Erfindungsreich

Clevere Bielefelder

Wie sähe unser Alltag ohne Pattex, Penaten, Knirps, Aspirin, Goldbärchen von Haribo oder Persil aus? Klar, wir würden überleben, aber viele weltberühmte Erfindungen machen uns das Leben doch um ein Vielfaches leichter. Und diese bahnbrechenden Ideen kommen allesamt aus NRW. Der Bielefelder Historiker Dr. Hans-Jörg Kühne hat sie in dem höchst unterhaltsamen Buch „Echt clever!“ zusammengestellt. Ehrensache, dass geniale Entdeckungen aus seiner Heimatstadt da nicht fehlen dürfen.

Beim Erfindungsreichtum der Bielefelder geht es um Pfennigfuchser, Pülverchen und natürlich Hemden – so, wie man es von einer Leineweberstadt traditionsgemäß erwartet. Seit fast 100 Jahren ist die Marke Seidensticker der Spezialist für Hemden. 1956 brachten die Bielefelder das erste bügelfreie Baumwollhemd auf den Markt: „Toplin mit dem blauen Punkt“. Es war zudem das erste deutsche Markenhemd. Behandelt wurde es mit Kunstharz und befreite – wie Hans-Jörg Kühne feststellt – wahrscheinlich noch nicht ganz von der lästigen Pflicht des Bügelns, erleichterte die Sache jedoch ungemein. Vier Jahre später brachte die Firma Seidensticker schließlich das Nylonhemd „Matchtown“ heraus. Damit war tatsächlich die Bügelfreiheit erreicht und „Matchtown“ sorgte dafür, dass der Jahresumsatz damals die 100-Millionen-Marke überschritt. Heute ist Seidensticker die bekannteste Hemdenmarke Deutschlands. 2.600 Beschäftigte fertigen jährlich knapp 13 Millionen Kleidungsstücke. Und jedes einzelne Hemd durchläuft 142 Kontrollen bis zur Produktionsreife. Qualität ist eben das beste Rezept für nachhaltigen Erfolg.

So wären wir auch schon bei der nächsten Bielefelder Erfindung, die weltweit bekannt wurde. Das Backpulver von Dr. Oetker. August Oetker füllte sein neuartiges Produkt, das er „Backin“ taufte, in kleine Päckchen und bot es seit 1893 zunächst den Bielefelder Hausfrauen recht erfolgreich zum Kauf an. Und schon bald war man im Westfälischen und anschließend reichsweit von der Gelinggarantie, die der Firmengründer versprach, überzeugt.

Backin und Kaiser-Natron – Exportschlager aus Bielefeld

Neu war das Backpulver an sich nicht, aber die Dosierung, dass das Pülverchen für genau 500 Gramm Mehl reichte, und die überaus clevere Vermarktung. Der Firmengründer bürgte mit seinem guten Namen und fuhr eine gute Marketingstrategie. Damit kreierte er eines der ersten echten Markenprodukte. 125 Jahre später ist u. a. Backpulver, Pudding und Tiefkühlpizza untrennbar mit dem Namen Dr. Oetker verbunden. Zur Oetker-Gruppe gehören weltweit rund 400 Firmen aus unterschiedlichsten Branchen. Mit rund 32.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 11,7 Milliarden Euro gehört sie zu den großen europäischen Familienunternehmen. Der Hellkopf von Dr. Oetker – das prägnante Logo, das im Laufe der Jahrzehnte immer nur behutsam modifiziert wurde – ziert übrigens auch das Cover des Buches „Echt clever“.

Eine geniale Vermarktung legte auch den Grundstein zum Erfolg eines anderen Bielefelder Pülverchens. Die Rede ist vom Kaiser-Natron aus dem Hause „Stärkefabrik Arnold Holste Wwe.“, das seit 1881 in Bielefeld hergestellt wird. Es ist einer der ältesten deutschen Markenartikel überhaupt und europaweit bekannt. Folgerichtig stand auch „erprobt und gelobt“ auf der Verpackung. Außerdem verfolgten die Verantwortlichen, laut Hans-Jörg Kühne, die Philosophie, ihren Markenartikel überall und stets als gleiches, hochwertiges Produkt in gleicher, unnachahmlicher Aufmachung und zum gleichen Preis anzubieten. Konsequente Bewerbung in Zeitungen und Zeitschriften und später der Einsatz von Werbefilmen in den sich etablierenden Kinos flankierten diese Bemühungen.

Öffentlichkeitsarbeit ist alles

Zudem lag den Verkaufspackungen von Kaiser-Natron seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Rezeptbüchlein bei, in dem etwa 100 Verwendungsmöglichkeiten aufgeführt wurden. Bald war in fast jedem deutschen Haushalt dieses Heft zu finden. Kaum ein anderes Produkt erfreute sich einer solch großen Popularität. Diese „Info-Tradition“ wird bis auf den heutigen Tag fortgesetzt. So gibt es aktuell das „Kaiser-Natron-ABC“ in Papierform und selbstverständlich auch online. Außerdem tolle Rezept-Ideen – natürlich mit Kaiser-Natron.

Und eine Bielefelder Institution, die noch ein paar Jährchen älter ist, sind die von Bodelschwinghschen Stiftungen. Wahrscheinlich hätten sie sich nicht so rasant entwickelt, wenn Friedrich von Bodelschwingh der Ältere nicht so ein – im positiven Sinne – Pfennigfuchser gewesen wäre. „In seiner Zeit als Vorsteher der von der Inneren Mission gegründeten ,Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische' bei Bielefeld betrieb er ab 1872 das, was heute als extrem professionelles Fundraising bezeichnet werden würde“, schreibt Hans-Jörg Kühne. Da die Anstalt – wie die Stiftungen seinerzeit hießen – ständig Geld brauchte, um ihre Aufgaben wahrnehmen zu können, gründete von Bodelschwingh 1877 den „Pfennigverein für Bethel und Sarepta“, in dem sich bis zu 15 Personen zusammenfanden und sich verpflichteten, einmal im Monat 5 bis 10 Pfennige für Bethel zu spenden. Im Jahre 1891 rief er zusammen mit Karl Schnitger aus Lemgo die „Brockensammlung“ ins Leben. Das, was die Menschen fortwerfen wollten, wurde gesammelt, in den eigenen Werkstätten wieder hergerichtet und preisgünstig der Allgemeinheit zum Kauf angeboten.

Die Brockensammlung in Bethel gibt es noch heute – größer und übersichtlicher ist sie im Laufe der Jahre geworden. Mit einem jährlichen Spendenbetrag von 35 bis 50 Millionen Euro (2015: 49,6 Millionen Euro) gehört Bethel zu den 20 größten spendensammelnden Organisationen in Deutschland.

Wer nun noch ausführlicher in diese und andere Geschichten eintauchen möchte:
Hans-Jörg Kühne
Echt clever! Geniale Erfindungen aus Nordrhein-Westfalen
Wartberg Verlag




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