150 Jahre Bethel

Ein Platz für alle

Es muss ein besonderer Tag gewesen sein: Am 18.6.1897 stattete der Deutsche Kaiser nebst Gemahlin Bethel einen Besuch ab. Im Zionswald versammelten sich 2.000 Bläser und 10.000 Sänger. Insgesamt sollen sich 30.000 Menschen versammelt haben, um Wilhelm II. willkommen zu heißen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Bielefeld schätzungsweise 50.000 Einwohner zählte und Bethel als Teil von Gadderbaum seinerzeit noch eine eigenständige Gemeinde im Kreis Bielefeld war.

Dass der Kaiser damit eine Tradition einläutete, ahnte er vor 120 Jahren sicherlich nicht. Denn viele deutsche Staatsoberhäupter besuchten seitdem Bethel regelmäßig, seien es die Bundeskanzler Konrad Adenauer oder Willy Brandt und die Bundespräsidenten angefangen mit Heinrich Lübke bis Joachim Gauck. Vieles hat sich verändert, seit vor 150 Jahren die ersten drei epileptischen Knaben in das private Heim der Inneren Mission einzogen. Bethel wuchs, erweiterte und baute neue Gebäude. Überall in Deutschland entstanden Einrichtungen, die sich an dem Leitbild des zweiten Anstaltsleiters Friedrich von Bodelschwinghs orientierten. Bethel bedeutet übrigens „Haus Gottes“ und widmete sich den Vergessenen und Ausgegrenzten der Gesellschaft. Oder wie Friedrich es selbst formulierte: „Menschen, die niemand haben will“. Zu seinen Zeiten waren das vor allem behinderte Menschen und die „Trunkenbolde, Landstreicher und Taugenichtse“. Für ihn war jeder Mensch ein Geschöpf Gottes. Und er wollte möglichst vielen Bedürftigen helfen, so auch psychisch Kranken, wandernden Arbeitslosen, Alkoholkranken oder Fürsorgezöglingen. Er gründete auswärtige Kolonien, schickte Missionare nach Afrika und siedelte in Bethel christliche Bildungsstätten an, u. a. für Behinderte, Krankenpfleger und Geistliche.

Bethel wächst und wächst

Rasch wurde die Privatanstalt als öffentliche Stiftung anerkannt, auch die Diakonissenanstalt Sarepta und die Diakonenanstalt Nazareth erhielten diesen Rang. Bethel weitete sich erst zur christlichen Kolonie aus und wurde dann zur „Stadt der Barmherzigkeit“. Um 1900 hatte es mehrere tausend Einwohner, eine eigene Kirchengemeinde und einen eigenen Bürgermeister. 1908 kam sogar eine eigene Währung hinzu – die Bethel-Mark bzw. heute Bethel-Euro. Dieses christliche Gemeinwesen überlebte Wirtschaftskrisen, zwei Weltkriege und nicht zuletzt den Nationalsozialismus. Dabei verdient der Umgang Bethels mit seiner eigenen Geschichte Respekt. Es wird nicht vertuscht, dass auch hier Menschen Unrecht geschehen ist, wie beispielsweise durch Zwangssterilisation oder Zwangsarbeit in den 1930er und 1940er Jahren oder die grässlichen Erfahrungen, die so einige Jugendliche in den frühen Jahren der Bundesrepublik in der Fürsorgeerziehung machen mussten.

Zum hochmodernen Klinikum

Durch Umstrukturierungen und Dezentralisierung der Arbeit ist Bethel heute in acht Bundesländern mit 280 Standorten vertreten. Für 2017 wird mit rund 19.000 Mitarbeitenden geplant. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel sind Träger medizinischer Versorgung mit 5 Krankenhäusern und 2.500 Betten in NRW, Berlin und Brandenburg. Etwa 6.000 Menschen versorgen in diesen Krankenhäusern tagtäglich mehr als 200.000 Patienten im Jahr, wobei der größte Bereich des Arbeitsfeldes in Bielefeld liegt. Gemeinsam mit seinem Verbund-Krankenhaus, dem Krankenhaus Mara, einem Fachkrankenhaus für Epileptologie und Behindertenmedizin beschäftigt das Evangelische Klinikum Bethel (EvKB) insgesamt 4.200 Mitarbeitende. Mit den Epilepsie-Zentren Bethel (Mara) und in Berlin-Brandenburg nimmt Bethel europaweit eine Spitzenstellung in der Behandlung und Rehabilitation anfallskranker Menschen ein.

Im Jubiläumsjahr, das von vielen unterschiedlichen Aktionen begleitet wird, kündigte Dr. Rainer Norden, Geschäftsführer des EvKB, Vorstand v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, an, in den nächsten fünf Jahren Investitionen in Höhe von über 100 Millionen Euro zu tätigen. „Allein 60 Millionen sind für den Bau der neuen Kinderklinik geplant. In dem neuen Kinderzentrum soll künftig alles abgebildet werden können, was mit Erkrankungen von Kindern zu tun hat“, erklärte er im Interview mit dem Club Report. „Für den Bau sind wir auf die Unterstützung unserer Spender und Nachlassgeber angewiesen, denn die öffentliche Krankenhausfinanzierung reicht nicht aus. Ich bin optimistisch, dass wir das neue Kinderzentrum 2022 einweihen können.“

Diese positive Grundhaltung kommt nicht von ungefähr, denn  Bethel gehört zu den 20 größten spendensammelnden Organisationen in Deutschland.

Es ist schon eine unglaubliche Erfolgsgeschichte: Aus einer kleinen Privatanstalt wurde im Laufe von 150 Jahren das größte Sozialunternehmen in Europa. Bethel hat in besonderer Weise das Stadtbild Bielefelds geprägt. So sind Ausflüge von Epilepsie-Patienten mit Helm in der Bielefelder Altstadt Normalität. Und für die Menschen, die in den Einrichtungen leben, sicherlich ein gutes Gefühl ganz selbstverständlich zur Stadtgesellschaft dazuzugehören.




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