Raum & Zeit Adventure Games

Auf der richtigen Spur

Räumlichkeiten für ihre Escape Games zu finden, war für die zwei Bielefelder Jungunternehmer schwerer als gedacht. „Da kommen zwei Studenten mit einer komischen Idee“, erinnern sich Sebastian Keller und Michael Wabiszczwicz an die Skepsis, die ihnen auf der Suche nach einer Immobilie für Raum & Zeit Adventure Games entgegenschlug.

Ihr Alter war ein weiterer Stolperstein. „Einfach zu jung“, resümieren die heute 28-Jährigen schmunzelnd. Sie haben nicht aufgegeben, sind im Bielefelder Westen fündig geworden und lassen ihre Kunden seither immer häufiger hinter verschlossenen Türen rätseln. Zumindest, solange die Uhr tickt. Nach 60 Minuten ist das Escape Game beendet.

Real statt digital

Die 92 Quadratmeter große Location im Bielefelder Westen ist vom Entree bis hin zu den mittlerweile zwei Live Escape Rooms – mit je 20 Quadratmetern – sorgsam durchkomponiert. Jedes Detail der Geschichten, die Rätsel und das Raumdesign haben Sebastian Keller und Michael Wabiszczwicz liebevoll geplant und umgesetzt. Das digitale Genre lieferte die Vorlage. Computerspiele, bei denen man aus Räumen entkommen muss. Übertragen in die reale Welt bieten sie längst Stoff für alle, die gern mal in die Fußstapfen von Sherlock Holmes und Dr. Watson treten wollten. Bei Raum & Zeit Adventure Games sind es die von Erik Bloomberg. Der Enthüllungsjournalist kämpft sich im „Fall Schwartz“ durch einen Sumpf aus Wirtschaftskriminalität und Geheimdienstverschwörungen. Sein Gegenspieler heißt Viktor Schwartz. Als Kopf einer weltweit operierenden Organisation hat er es auf Bielefeld abgesehen.

Staubfänger mit Potenzial

Sebastian Keller und Michael Wabiszczwicz

Dabei ist die Geschichte, wie die Idee für die Gründung entstand, fast selbst krimireif. Sie lag nämlich fast vergessen in der Schreibtischschublade von und zwar in Form einer Semesterarbeit. „Ich hatte anhand des Beispiels von Escape Games einen Businessplan entwickelt. Die Arbeit hat mir zwar eine sehr gute Note eingebracht, aber erst einmal in meiner Schublade Staub gefangen“, schmunzelt der 28-Jährige, der Wirtschaftsingenieurswesen studiert und sich inzwischen auf der Zielgeraden zum Master befindet. Sechs Monate später holte er seine Arbeit wieder heraus. Das war die Zeit, in der die ersten Escape Rooms in Städten wie München und Berlin Fuß fassten, Sebastian Keller davon hörte und die Semesterarbeit zur aussichtsreichen Geschäftsidee avancierte. „Wir sahen darin die Chance“, so die beiden Freunde, die sich bereits fünfzehn Jahre über den Sport kennen.

Gesagt, getan. Die zwei Studenten drehten den Businessplan auf links, passten ihn der eigenen Geschäftsidee und ihren Bedürfnissen an. „Mein Herz schlug schon immer in Richtung Selbstständigkeit und Unternehmensgründung“, betont Sebastian Keller, der vor seinem BWL-Studium eine Ausbildung zum Kaufmann für Marketing und Kommunikation absolvierte. „Und als Bielefelder liegt es dann doch ziemlich nah, die Idee vor Ort zu realisieren – zumal es damals auch noch keine Escape Rooms in Bielefeld gab.“

Seitdem hat das Bielefelder Start-up 15.000 Gäste zwischen 14 und 70 Jahren begrüßt. Doch bevor die ersten Gäste spielen konnten, war in den Räumlichkeiten an der Stapenhorststraße kräftiges Zupacken gefragt. „Wir haben alles selbst eingerichtet und die Story für die Spiele und die Rätsel entwickelt“, so Sebastian Keller. Kreativität war auch bei der Einrichtung gefragt. „Wir hatten nicht viel Geld im Rücken und wären ohne den Fundus und die Unterstützung von Familie und Freunden nicht da, wo wir heute sind.“ Der alte Brockhaus hat bei Raum & Zeit Adventure Games ebenso eine neue Heimat gefunden wie alte Möbel und Accessoires, die bis dato im Keller ihrer Eltern ihr Dasein fristeten. Weitere ausgefallene Fundstücke fanden die Studenten auf Flohmärkte und im Netz. Fünf Monate nach der Eröffnung richtete das Start-up mit seinen ersten Einnahmen den zweiten Escape Room ein. Nicht nur, um sich zu vergrößern. Vielmehr sollten auch Team-Events für Firmen möglich sein. „Dadurch haben wir uns einen weiteren Markt erschlossen“, so die Gründer, die ihre Geschäftsidee hinterfragt, sich intensiv damit auseinandergesetzt und sorgfältig geplant haben.

Vorsicht Falle

Auf Stolpersteine stieß das Start-up trotzdem „Wir profitieren zwar von unserem Studium, aber trotzdem muss man sich immer wieder detailliert mit vielen Dingen auseinandersetzen. Uns war zum Beispiel nicht klar, dass wir eine Nutzungsänderung für die Räumlichkeiten beantragen mussten. Wer sich schon einmal mit einem Bauantrag auf Nutzungsänderung beschäftigt hat, kann nachvollziehen, was auf einen zukommt“, so die beiden Gründer. Herausforderungen, die das junge Start-up meisterte. Bereut haben sie ihren Schritt in die Selbstständigkeit nicht. „Allerdings habe ich mein Studium im Augenblick hinten angestellt“, erklärt Sebastian Keller. „Wir hätten in der Gründungsphase nicht beide voll weiterstudieren können.“ Eine Entscheidung, mit der beide gut leben können. „Wichtig ist es, einen Konsens zu finden“, finden die zwei 28-Jährigen, die viel Zeit in ihr Unternehmen investieren. Rund 60 bis 80 Stunden wöchentlich. Freizeit ist für beide ein rares Gut. Vor allem am Wochenende. Schließlich ist ihre Arbeitskraft besonders zu Zeiten gefragt, an denen andere frei haben. „Wir haben jetzt aber fast den Punkt erreicht, an dem MitarbeiterInnen das Tagesgeschäft übernehmen können“, so Sebastian Keller und Michael Wabiszczwicz, die mit ihrer Eric Bloomberg Trilogie direkt ins Schwarze getroffen haben. „Hinweise finden, kombinieren, Rätsel lösen und knobeln – eine packende Krimi-Geschichte passt einfach super zum Gedanken eines Escape Rooms“, sind sich beide einig.

Kommunikation auf allen Kanälen

Bevor die Uhr zu ticken beginnt, werden die Spieler mit einem kleinen Film auf das Escape-Abenteuer eingestimmt. „Mein Vater hat dafür Erik Bloomberg gemimt, die Rolle von Victor Schwartz übernahm der Vater von Michael“, erzählt Sebastian Keller. „Und als Statisten haben wir unseren Freundeskreis verpflichtet.“ Die erste Gruppe, die zum Spielen kam, waren Bekannte“, so Michael Wabiszczwicz. Bis zum Jahreswechsel nach der Gründung kamen allerdings nur fünfzehn Gruppen. Die meisten auf Empfehlung. „Das ist inzwischen glücklicherweise anders“, freuen sich beide. Allein an einem Samstag sind es mittlerweile fünfzehn Gruppen. „Aber es hat schon einen Moment gedauert“, so Sebastian Keller. „Es ist zwar super, wenn man über Weiterempfehlungen Zulauf bekommt, aber das reicht nicht aus.“ Über eine Coupon-Gutschein-Aktion nutzte das Start-up gleich nach der Gründung die Vorweihnachtszeit, um Werbung für sich zu machen. Die Idee ging auf. Werbung über Facebook war und ist ebenfalls ein Tool, das die beiden Gründer gezielt nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. „Zumal es inzwischen auch zwei Mitbewerber in Bielefeld gibt“, so Sebastian Keller und Michael Wabiszczwicz, die konsequent das Kundeninteresse in den Fokus ihrer Aktivitäten rücken. „Auch Pressearbeit macht sich bemerkbar“, stellen sie fest. „An dem Tag, als in der Lokalzeit des WDR über uns berichtet wurde, hatten wir 300 Aufrufe auf unserer Internetseite mehr als sonst. Wir stecken immer noch in der Gründungsphase. Viele Prozesse muss man sich erst erarbeiten“, resümieren die beiden Gründer, die schon jetzt etwas zurückgeben möchten. Raum & Zeit Adventure Games engagiert sich als Stipendiaten-Geber. „Das ist eine coole Aktion. Wir wollen junge Leute unterstützen“, betont Michael Wabiszczwicz, der aufgrund seiner Leistungen selbst von einem Deutschlandstipendium profitierte. „Ich kenne das Programm aus eigener Erfahrung, war darüber selbst für ein Auslandssemester in Paris“, sagt er. Wer gibt, erhält etwas zurück – für Raum & Zeit Adventure Games hat sich diese Weisheit bereits bewahrheitet. Vom Reisedienstleister Trip Advisor wurde das Bielefelder Unternehmen jetzt mit dem „Zertifikat für Exzellenz“ ausgezeichnet. Und zwar neben der Sparrenburg, dem Botanischen Garten und Olderdissen. „Das hat uns sehr gefreut und wird wirklich nicht jedem in die Hand gedrückt“, freuen sich die beiden Jungunternehmer, die noch mehrere Ideen im Kopf haben, die sie gern realisieren würden.

www.raumundzeit-owl.de

zurück




EN