Interkulturelle Kompetenz

„Ja“ heißt nicht immer „Ja“

Trifft man als Unternehmer auf einen chinesischen Geschäftspartner, der freundlich nickt und „Ja“ zu einem Projekt sagt, so sollte dieses „Ja“ nicht unbedingt für bare Münze genommen werden. „In China wird eine Zustimmung eher in eigenen Worten ausgedrückt. Erst dann kann man mit einer verlässlichen Zusage rechnen“, berichtet Prof. Dr. Natalie Bartholomäus, die seit dem Sommersemester 2015 an der FH Bielefeld eine Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalmanagement und Organisation, am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit
innehat.

Interkulturelle Kompetenz heißt hier das Schlüsselwort. Gemeint ist u. a. die Dekodierung von Botschaften, die der Gesprächspartner übermittelt und die Kodierung der eigenen Botschaften an den Gesprächspartner. „Ein Nicken im asiatischen Raum bedeutet nicht viel mehr, als dass zugehört wird. In Deutschland haben wir die direkteste Kommunikation weltweit. In Asien würde man nie ein klares ,Nein“ zu hören bekommen. Das gilt als unhöflich und würde einen Gesichtsverlust bedeuten.“

Wenn also der potenzielle Geschäfts- oder Projektpartner ausweichend reagiert mit Sätzen wie „Das müssen wir mal beobachten“ oder „Ich muss mich noch mit der Geschäftsleitung abstimmen“ könnte das tendenziell als ein weiches „Nein“ verstanden werden. Es ist also wichtig zu wissen, was der Geschäftspartner meint und andersherum muss der Unternehmer aus Deutschland wissen, wie er bestimmte Inhalte angemessen transportiert, ohne seinen Gegenüber vor den Kopf zu stoßen.

In jüngerer Zeit haben zahlreiche Studien belegt, dass internationale Projekte häufig an mangelnder kultureller Kompetenz scheitern. Deshalb arbeitet die FH unter der Federführung von Prof. Dr. Natalie Bartholomäus und Prof. Dr. Riza Öztürk eng mit der regionalen Wirtschaft zusammen. „In einem ersten Schritt haben wir mit einem Kreis ausgewählter Unternehmen Feldforschung betrieben. Mit der Unterstützung der WEGE und der IHK haben wir 150 Unternehmen intensiv online zu ihrem internationalen Engagement befragt und auf der Basis der Ergebnisse ein Kooperationsmodell mit drei Säulen erarbeitet.“

Die erste Projektsäule sieht den Personenaustausch vor. Internationale Studierende absolvieren z. B. hiesigen Unternehmen ein Praktikum und unterstützen die lokale Wirtschaft dabei, ihr Produkt für den Heimatmarkt des Austauschstudierenden anzupassen.

Die zweite Säule des Kooperationsmodells sind internationale Projekte, wie etwa die sechswöchige Summer School, die jährlich in diesem Jahr abgehalten wird. „Hieran beteiligen sich Unternehmen mit eigenen Problemstellungen, die von einer Gruppe internationaler Studierender und Lehrender bearbeitet wird. Vorgesehen sind zudem Ausflüge nach Berlin und Frankfurt sowie Rotterdam und Amsterdam“, erklärt Prof. Dr. Natalie Bartholomäus.

Lost in Translation

Mit sprachlicher Kompetenz allein ist es nicht getan. Und wer denkt, dass im Business Englisch gleich Englisch ist, der liegt daneben. Deutsch gedacht und ins Englische übersetzt, reicht nicht aus. „Selbstverständlich kommt es gut an, wenn man zu Gesprächen oder Verhandlungen mit Unterlagen in der Landessprache anreist“, so die FH-Professorin, „aber ohne die Fähigkeit, die Kultur des Partnerlandes zu verstehen, können internationale Projekte an Kleinigkeiten scheitern.“

Die dritte Säule des Modells beschäftigt sich folgerichtig mit der postgradualen Weiterbildung für Mitarbeitende der Partnerunternehmen. „Das Angebot richtet sich an Mitarbeitende, die mit dem Bachelor ihren ersten Abschluss absolviert haben und sich nun im internationalen Handlungsfeld weiterbilden möchten. Das Pilotmodul zum Thema ,Internationales Projektmanagement' startet am 1.4.2018 und richtet den Fokus auf Internationale Projektmanagementfähigkeiten in Kombination mit Interkultureller Kompetenz.“

Denn soll ein internationales Projekt erfolgreich sein, muss man neben den klassischen Business-Kompetenzen noch mehr mitbringen. Und nicht nur in Asien, sondern auch in Europa gibt es kulturelle Unterschiede und somit Stolperfallen. „Skandinavien ist ein schönes Beispiel“, berichtet die engagierte Professorin, die mehrfach als Gastdozentin in Finnland und Indien tätig war. „Während in Deutschland eher eine auf Wettbewerb und Leistung ausgerichtete Kultur mit den entsprechenden Statussymbolen zu finden ist, legen die Finnen viel Wert auf Konsens und integrative Ansätze. In Finnland sind die monetären Statussymbole nicht so wichtig wie bei uns, sondern Status misst sich im hohen Norden vielmehr durch eine gute Work-Life-Balance. Dieses Wissen ist unerlässlich, wenn es um die Mitarbeiterführung geht, denn sonst setzt man bei der Motivation der Mitarbeiter falsche Anreize.“

Die Liste der Beispiele für kulturelle Unterschiede ließe sich beliebig verlängern. Klar ist, der Nachholbedarf ist groß. Das zeigt auch die große Resonanz auf das Pilot-Modul. „Jeder, der nachhaltig international arbeitet und sich dauerhaft einbringen möchte, ist bei uns herzlich willkommen“, betont die Professorin. Im Herbst 2018 steht wieder ein Netzwerktreffen an, bei dem sich interessierte Unternehmer informieren können.

Insgesamt sind Flexibilität und Offenheit gefragt. „Vor allem die Märkte für Produktion und Absatz werden immer exotischer. Das wird künftig noch sehr spannend, wenn man die Entwicklungen in Nord- und Zentralafrika beobachtet. Afrika könnte das neue Asien werden“, wagt Prof. Dr. Natalie Bartholomäus einen Blick in die Zukunft. „Um sich erfolgreich behaupten zu können, braucht man eine professionelle Personalentwicklung. Da ist noch viel Musik drin.“




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