In Bielefeld geht‘s ab

Prima Klima für Start-ups

„Ich will nicht nach Berlin“ – die Band Kraftklub textet frech und laut. Die Bielefelder Gründerszene kann in den Refrain lässig einstimmen. Abseits des kapitalen Gründer-Hotspots Berlin stimmt der Mix. Das Ecosystem, das in Bielefeld von jungen Start-ups befeuert wird, wächst täglich. Und garantiert zusätzliche Adrenalinkicks. Versprochen!

Bielefeld ist nicht Berlin und kopiert nicht das Silicon Valley. Bodenständig, pragmatisch und kraftvoll nutzt die Region ihre eigenen Erfolgsfaktoren. Hier hat vor über hundert Jahren schon das Backpulver mit Geling-Garantie das Licht der Welt erblickt. Größen wie Dr. Oetker, Dr. Wolff, Miele oder Schüco sind in Bielefeld zu Hause und erwirtschaften zusammen mit 11 weiteren Unternehmen in der Region OWL jährlich rund 65 Milliarden Euro Umsatz. Doch es sind nicht nur die Unternehmen, die den Charakter der Stadt prägen. Neben dem Know-how aus dem Mittelstand und vorhandenem Kapital fördert auch die breit aufgestellte Hochschullandschaft das Klima für ein starkes Ecosystem. Viele Akteure machen in der heimlichen Hauptstadt des deutschen Mittelstands inzwischen gemeinsame Sache und suchen den Schulterschluss.

Innovationskraft made in Bielefeld spiegelt sich in Coworking-Spaces wie dem  Pioneers Club, der jetzt sein Einjähriges feiert, aber auch in Events, Investments und vielfältigem Support. Den Gründergeist in Bielefeld fördert ganz besonders die  Founders Foundation. Hinter der Initiative der Bertelsmann Stiftung stecken die Founder Sebastian Borek (CEO) und Dominik Gross (CFO). Sie haben die Start-up-Kaderschmiede auf Kurs gebracht. Sie fokussiert sich auf skalierbare B2B- und IoT-Geschäftsmodelle mitten im Herzen des deutschen Mittelstands – und setzt dafür ganz gezielt auf den Schulterschluss zwischen Familienunternehmen, Hidden Champions und Mittelstand. Mit ihrem Leuchtturm-Projekt, der jährlichen Makers Conference „Hinterland of Things“, hat die Founders Foundation Anfang des Jahres erstmals dafür gesorgt, dass sich bedeutende Entscheider und Experten, Bielefelder Wirtschaftsgrößen, Start-up- und Digitalpioniere zum IoT-Zukunftsgipfel treffen. Und haben damit eine Brücke zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen geschlagen. Die Founders verstehen sich als Start-up-Kaderschmiede, um die nächste Generation des digitalen Mittelstands an den Start zu bringen. Mit überzeugenden Zahlen: Mehr als 180 Gründer haben die Founders seit 2016 ausgebildet, 14 Unternehmen haben sich neu gegründet, mehr als 30 erfolgreiche Start-ups sind am Start, 90 Prozent arbeiten erfolgreich weiter. Für diese Dynamik steht auch die  Start-up Region_OWL. Das Netzwerk von und für Gründer in der Region Ostwestfalen-Lippe vernetzt starke Partner aus Hochschulen, Forschungsinstituten, Gründerschmieden und etablierter Wirtschaft sowie der Digitalen Wirtschaft NRW, bringt OWLs Gründer-szene an unterschiedlichen Standorten in der Region zusammen und macht OWL auf der Landkarte der Start-up-Ecosysteme sichtbar.

Innomos  macht vor, dass erfolgreiches Gründen in Bielefeld funktioniert. Dennis Jung und Dimitri Völk entwickeln mobile Lösungen, die Geschäftsprozesse unterstützen und Innovationen in die Praxis bringen sollen. Die mobilen Pioniere haben für Europas größten Hemdenhersteller die maßgeschneiderte Instore App „SalesMate“ kreiert. Die  Bielefelder Seidensticker-Gruppe  investiert damit in die Digitalisierung ihres Geschäftsmodells ebenso wie in die Verzahnung aller Vertriebskanäle. Dass der Austausch zwischen Old und New Economy in der Region funktioniert, beweist auch  FoodTracks  mit seiner Software für Bäckereien. Die 127 Jahre junge  Oetker Gruppe liefert in punkto Vertriebsstrategie und Recruiting Support. Das Seed-Investment selbst ist eine Minderheitsbeteiligung. Auch  Valuedesk  ist ein Beleg dafür, dass agile Start-ups von traditionellen Unternehmen geschätzt werden. Die Kunden von Torsten Bendlin kommen quasi von nebenan. Das Unternehmen bietet eine Software, mit der die Industrie von Miele über Dr. Oetker, Dr. Wolff oder Schüco den Einkauf optimieren kann. Durch eine Wissensdatenbank und Cloud lassen sich Einsparungen sekunden-schnell erfassen. Die zunehmende Digitalisierung verändert das Geschäft. Das wissen die etablierten Bielefelder Player. Mit  e-Wolff , einer 2016 gegründeten Unternehmenseinheit von Digitalspezialisten, schafft die  Dr. Wolff-Gruppe  das Verbindungsstück zwischen der Offline- und der Online-Welt.  DMG MORI  hat im Zuge seiner Digitalisierungsstrategie Ende letzten Jahres die  WERKBLiQ GmbH  – das Unternehmen digitalisiert Wartung und Instandhaltung – übernommen. Das Start-up, von Dr. Tim Busse und Dennis Koblowsky gegründet, bleibt als eigenständiges Unternehmen bestehen.

Ein Bielefelder Start-up, das sich von Anfang an selbst finanziert, ist übrigens  Semalytix  – 2015 aus der Gruppe „Semantic Computing“ am Exzellenzcluster CITEC an der Universität Bielefeld ausgegründet. Es knackte den Umsatz von einer Million bereits im letzten Jahr. Die Auftraggeber stammen zu 90 Prozent aus der Arzneimittelbranche. Für sie durchkämmen die Bielefelder mit einer intelligenten Software – der nächsten Generation einer Texte verstehenden KI – das Netz. Große Fische hat auch das junge High-tech-Unternehmen  Mercury.ai  bereits an Land gezogen. Und zwar mit Chatbots. Der aus Bielefeld stammende Chatbot Kim für den Lebensmittelriesen Nestlé ist als Kochexperte im Kochstudio von Maggi zu Hause. Mit Kim – die Abkürzung steht für „Kitchen Intelligence by Maggi“ – haben die Bielefelder ihr Potenzial für hochkomplexe Lösungen längst bewiesen. Mercedes Benz und die Porsche Holding haben schon angeklopft. Wie erfolgreich ein Start in Bielefeld sein kann, beweisen auch  Veed  und  Trendiamo. Veed hat mit seiner E-Learning-App jetzt einen erfolgreichen Exit über die Bühne gebracht, während Trendiamo  sein Ziel „das Google Adwords für Influencer Marketing zu werden“ in Lissabon vorantreibt.




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