2. Dezember 2019
Podiumsdiskussion in der Volksbank-Zentrale am Kesselbrink

Nachhaltigkeit: „100 Prozent erreicht fast niemand“

Diskutierten über nachhaltige Geldanlage, bewusstem Konsum und Schritte zur Verkehrswende: (v.li.) Werner Schönfeld (Volksbank), Marie Nasemann (Influencerin), Dr. Henrik Pontzen (Fondsgesellschaft Union Investment), Kai-Uwe Steinbrecher (moBiel) und Timo Fratz (Radio Bielefeld).

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Wer sein Geld umweltbewusst, sozial und moralisch korrekt anlegen oder ausgeben möchte, wird von Angeboten überrollt. Doch die Gefahr des „Greenwashing“ – der Schönfärberei durch die Anbieter – ist groß. Auf Einladung der Volksbank Bielefeld-Gütersloh diskutierten kürzlich Finanzexperten, Influencerin Marie Nasemann und moBiel-Technik-Leiter Kai-Uwe Steinbrecher mit rund 100 Zuhörern über nachhaltige Geldanlage, bewussten Konsum und Schritte zur Verkehrswende. Moderiert wurde die Veranstaltung von Timo Fratz, Chefredakteur von Radio Bielefeld.


„Wir müssen nicht auf den Trend nachhaltige Geldanlage aufspringen, denn wir waren schon sehr früh und sehr intensiv dabei.“ Das erklärte Werner Schönfeld, Leiter des Bereichs Vermögensmanagement bei der Volksbank Bielefeld-Gütersloh: Vor zehn Jahren hatte die Genossenschaftsbank mit ihrem Partner Union Investment den ersten nachhaltigen Mischfonds für Privatanleger in Deutschland aufgelegt, den heutigen „Volksbank Bielefeld-Gütersloh Nachhaltigkeits-Invest“. Das Portfolio enthielt schon damals nur solche Papiere, die strenge ökologische, soziale und ethische Auflagen erfüllen. Seit 2009 hat der Nachhaltigkeits-Invest eine Wertsteigerung von 54,7 Prozent erzielt.

Spagat zwischen Nachhaltigkeits- und Renditezielen
„Erstmals interessieren sich die Leute für das, was wir tun“, sagte Dr. Henrik Pontzen nicht ohne Ironie. Er ist Leiter der Abteilung Environment Social Governance (ESG) im Portfoliomanagement der Fondsgesellschaft Union Investment. Früher seien nachhaltige Geldanlagen „nice to have“ gewesen, doch heute fragten Kunden gezielt nach solchen Investments. Eine zentrale Herausforderung für Fondsmanager bestehe darin, Nachhaltigkeit und langfristig stabile Erträge unter einen Hut zu bringen. Denn Anleger erwarten eine Rendite oder zumindest eine sichere Geldanlage.

Influencerin Marie Nasemann: „Man kann nicht alles sofort umstellen“
Der zunehmend spürbare Klimawandel und die Fridays-for-Future-Bewegung haben auch immer mehr Konsumenten sensibilisiert. Für nachhaltige Mode engagiert sich Marie Nasemann – Model, Schauspielerin und Influencerin. Deutschlandweit bekannt wurde sie 2009 als Dritte bei Germany’s Next Topmodel. In ihrem Blog „Fairknallt“ geht es um Mode, Lifestyle und Reisen. Wie passt das zum Nachhaltigkeitsgedanken? Marie Nasemann konzentriert sich auf Unternehmen, „die schon vieles richtig machen. Ich bin aber auch nicht zu hart, weil ich gelernt habe: Man kann nicht alles sofort umstellen.“ Grundsätzlich müssten die Aktivitäten einer Firma – und auch die einer Bank – transparent, nachvollziehbar und glaubwürdig sein.

Model gibt Einkaufstipps
Das Argument, fair und nachhaltig produzierte Mode sei zu teuer, lässt Marie Nasemann nicht gelten: „Ich denke, das kann sich im Prinzip jeder leisten, wenn man ein paar Fehlkäufe vermeidet. Es gibt so viele Impulskäufe, zum Beispiel am Black Friday.“ Wer vorab genau überlege, was gebraucht wird, was zu den Sachen im Kleiderschrank und zum eigenen Stil passt, und dann auch noch auf Qualität achte, habe länger etwas von der Kleidung.

„Greenwashing“ nimmt zu
Immer mehr Firmen springen auf den „Nachhaltigkeitszug“. Manche hängen sich aber nur ein grünes Mäntelchen um. Das stellt Marie Nasemann immer wieder fest. Ihr Mitarbeiter „Dr. No“ prüfe systematisch Nachhaltigkeitsberichte von Firmen, die eine Kooperation mit der Influencerin eingehen wollen. Jede Woche gebe es mindestens drei begründete Absagen.
Auch Werner Schönfeld kennt das Dilemma mit der Schönfärberei: „Firmen schreiben Nachhaltigkeit drauf, aber selten ist Nachhaltigkeit drin. Viele meinen, sie könnten sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.“ Die Volksbank Bielefeld-Gütersloh hatte sich 2009 eine strenge Selbstverpflichtung auferlegt. Es sei eine gewaltige Herausforderung, alle Punkte nachzuhalten. Einmal im Jahr stellt die Volksbank ihre Nachhaltigkeits-Kriterien auf den Prüfstand. „Sie werden dann eher strenger als weicher“, so Schönfeld.

„Firmen bewegen sich in die richtige Richtung“
Gefragt, ob der Nachhaltigkeits-Invest eines Tages zu 100 Prozent nachhaltig sein werde, sagte Schönfeld: „Die Firmen in unserem Mischfonds bewegen sich in die richtige Richtung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir es in dieser globalisierten, arbeitsteiligen Welt schaffen, jegliche Schwellen auszuschalten.“ 100 Prozent erreiche fast niemand. „Das hat auch damit zu tun, dass wir uns weltweit in unterschiedlichen Stadien der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung befinden“, ergänzte Dr. Pontzen.

Verdient man weniger Geld mit nachhaltigem Engagement?
Wie ertragreich ist eine nachhaltige Geldanlage? Lässt sich damit zwangsläufig weniger Rendite erzielen? Dazu Dr. Pontzen: „Bis 2015 haben nachhaltige Investments ähnlich gut abgeschnitten wie konventionelle. Seit 2015 rentieren nachhaltige Investments sogar besser.“ Es gebe „Gründe, die erwarten lassen, dass wir weiterhin einen positiven Zusammenhang von Performance und Nachhaltigkeit erleben werden.“ Der erste sei eher kurzfristiger Natur und wie eine selbst erfüllende Prophezeiung: Die Politik sorgt dafür, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Investments enorm ansteigt. Und weil das Angebot relativ begrenzt ist, steige der Kurs der Wertpapiere. Viel wichtiger sei das Argument, „dass Aktienpreise von heute widerspiegeln, was wir an zukünftigen Gewinnen erwarten. Das ergibt sich aus der Differenz zwischen zukünftigen Kosten und zukünftigen Umsätzen.“ Mit der Bepreisung von CO2-Emissionen komme nun ein sehr wichtiger Kostenpunkt hinzu, der voraussichtlich an Bedeutung gewinnt.

Wie moBiel in Bielefeld agiert
Nachhaltig investiert das Verkehrsunternehmen moBiel in Bieleleld. „Wir haben im Augenblick schon eine sehr saubere Flotte“, berichtete Kai-Uwe Steinbrecher, Leiter des Geschäftsbereichs Technik. Demnächst will moBiel vier mit Brennstoffzellen betriebene Busse in Betrieb nehmen. „Wir sind dem Gemeinwohl verpflichtet, und wenn wir 60 Millionen Fahrgäste in Bielefeld im vergangene Jahr befördert haben, dann bedeutet das auch, dass eine ganze Menge weniger Autos unterwegs waren“, so Kai-Uwe Steinbrecher. “Das hat der Stadt bestimmt gut getan. Wir schaffen es aber insgesamt nur dann in Richtung Verkehrswende, wenn sich die Politik auch den Autoverkehr anschaut.“

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