1. September 2021
Follow-up: appweeve

Alles im Wandel

Start-ups

Ein Start-up wie es im Buche steht? Jein! Angefangen haben Simon Pamiés, Daniel Tucholko und Julian Mayland tatsächlich 2016 am Küchentisch ihrer WG. Als sie appweeve jedoch formell gründeten, waren sie schon gut im Geschäft. Gestartet aus laufenden Projekten für die Firma SAP.

Der Name setzt sich zusammen aus app für Applikation und eine angedeutete Form des englischen Webens. Und tatsächlich geht es bei appweeve um die übersichtliche Aufbereitung großer Datenmengen, die sinnvoll verknüpft und visualisiert werden. Was hat sich bei den Bielefeldern seit der Gründung getan? Wir haben bei Julian Mayland nachgefragt. 

Wie ist der Stand heute?

Leider mussten wir im Sommer 2020 coronabedingt schließen. Wir haben ja eher als Agentur gearbeitet und IT-Auftragsarbeiten erledigt. Bis dahin lief es richtig gut. Inklusive der Gründer waren wir zwölf Mitarbeitende und im März eigentlich auf dem Weg, einen 13. Mitarbeitenden einzustellen. Wir sind zunächst in Kurzarbeit gegangen, aber die laufenden Kosten waren ja weiterhin da. Trotz guter Rücklagen und der Corona-Soforthilfe war für uns nicht abzusehen, wie es weitergehen würde. Viele Kunden haben erst einmal einen Projektstopp verhängt. Darum haben wir uns Mitte vergangenen Jahres entschlossen, die GmbH abzuwickeln. Mir war gar nicht bewusst, dass das ein Prozess ist, der fast ein Jahr dauert. Glücklicherweise haben alle Mitarbeitenden sehr schnell neue Jobs gefunden. Zum Teil arbeiten wir auch noch oder wieder mit ehemaligen Kund*innen zusammen. 

Seid ihr Gründer noch im Kontakt?

Klar, und nicht nur wegen der Abwicklung. Mit Simon arbeite ich immer noch in Projekten zusammen, mit Daniel im Moment beruflich nicht, aber privat. Im letzten Jahr natürlich, wie bei allen, vor allem per Mail, Chat oder Videokonferenz.

Wenn wir auf appweeve zurückblicken. Was war die größte Herausforderung – was der größte Fehler?

Start-ups haben eigentlich nie kleine oder auch nur normale Herausforderungen. Und grade in den ersten Jahren sind sie häufig lebensbedrohlich für die Firma. Insofern ist „die“ größte schwer zu nennen. Für mich die wichtigste Erfahrung war, dass ein Start-up mit mehr als zehn Leuten anders funktioniert als vorher. Und andere Fähigkeiten in der Führung für den Erfolg wichtiger sind als vorher. Da muss man sich entweder anpassen oder die Rollen verschieben. Eventuell sogar beides. Das ist für alle Beteiligten nicht leicht, kann aber auch eine Möglichkeit für echtes Wachstum sein.

Der größte Fehler? Aus meiner Sicht fast irrelevant. Auch hier gab es einige, aber solange sie nicht wiederholt werden, gehört das dazu. Manchmal lernt man nur aus Fehlern. Auch wenn niemand sie gerne macht.

Und die beste Erfahrung?

Ich habe sehr viel über Konfliktmanagement gelernt. Das mag etwas spöttisch klingen, ist aber in eigentlich jedem Job hilfreich. Und immer noch weniger verbreitet als man denkt.

Euer Tipp für andere?

Macht’s einfach. appweeve mag am Ende nicht mehr existieren, aber alle Beteiligten haben unglaublich viel dabei gelernt und es blieben keine Schulden. Also jetzt besser neu machen. Oder anderen helfen, es besser neu zu machen.

Wie geht es bei dir weiter?

Momentan arbeite ich als Project Manager & Consultant auf Freelancerbasis, unter anderem für SAP und im Sportbereich, wie zuvor bei appweeve. Aber auch im Bielefelder Mittelstand. Ich kann mir für die Zukunft aber auch andere Optionen vorstellen, egal ob in einer bestehenden oder mit einer eigenen, neuen Gründung. Im Bereich Bildung sehe ich zum Beispiel immer noch großes Potential. Ansonsten sehe ich beim deutschen Mittelstand in puncto digitalen Wandel noch großen Bedarf. Mit Digitalisierung allein ist es nicht getan. Es muss tatsächlich ein fundamentaler Wandel her. Aber wir wissen ja alle aus eigener Erfahrung, wie schwierig Veränderung ist (lacht). 

Was schätzt du an Bielefeld?

Ich bin Zugezogener, zuerst für das Studium und insofern eher aus eigener Wahl hier. Und immer noch gerne. Aus beruflicher Sicht ist nicht nur der schon oft diskutierte starke Mittelstand ein Plus. Die Region hat auch eine sehr gute Hochschullandschaft. Grade in IT- aber auch in anderen Deep-Tech-Bereichen, wie zum Beispiel Biotechnologie. Mieten, egal ob privat oder für die Firma, sind hier auch noch recht moderat. Münster ist da ein anderes Pflaster.

Und privat? Bielefeld wird wahrscheinlich nie die hippeste Großstadt werden. Das wäre vermutlich auch nicht ostwestfälisch. Aber auch nicht jede Stadt schafft es, in zentraler Lage einen riesigen Skatepark zu er- und unterhalten. Die Balance macht es aus.

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