1. November 2019
Gründer des Monats: Kasimir Hahn Spielefabrik

Der große Reibach

Start-ups Story

Ein Spiel, das das Bankenwesen karikiert und dazu noch nachhaltig hergestellt wird, das hat es bislang noch nicht gegeben. Die gute Idee kommt aus Bielefeld und macht nicht nur jede Menge Spaß, sondern regt durchaus auch zum Nachdenken an. „Der große Reibach“ der Kasimir Hahn Spielefabrik ist ein interaktives Brettspiel, das man immer und immer wieder spielen kann.

Die Gründung der Kasimir Hahn Spielefabrik war dabei vor allem Mittel zum Zweck. Denn die vier Bielefelder Nils Büteröwe, Martin Middelanis, Nils Bünger und Thomas Middelanis wollten ihr Spiel genau so umsetzen, wie sie sich das vorstellten – und das auch noch nachhaltig produziert. Die Idee dazu ist schon über sechs Jahre alt. In der Zeit haben die vier Schulfreunde getüftelt, UNO-Karten überklebt und gezeichnet. „Viele Brettspiele sind in der Vergangenheit angesiedelt“, erinnert sich Martin Middelanis. „Es geht um Königreiche oder Händler. Oder es sind Fantasy-Spiele, die beispielsweise ihr Setting im Weltraum haben. Wir haben uns gefragt, warum es kaum Spiele gibt, die in der Gegenwart spielen und eine gesellschaftskritische Perspektive haben.“

Im Nachgang zur Finanzkrise war es für die vier naheliegend, ihr Spiel rund um das Bankenwesen anzulegen. „Der große Reibach“ ist überzogen, also eine Karikatur der Branche, die so sehr in Verruf geraten ist. „Das Spiel ist in erster Linie lustig, aber mit einem wahren Kern“, so der Student der Pluralen Ökonomik. In ihrer Funktion als Banker*innen sollen 2 bis 5 Spielende so viel Profit wie möglich erwirtschaften. So kann man auf den Kurs von Lebensmittelpreisen spekulieren oder als Bank die Rating Agentur bestechen, um eine positive Bewertung zu bekommen. Auch wenn das Spiel in erster Linie der Unterhaltung dient, so wird der eine oder andere sicherlich doch nachdenklich, wenn das Spiel auch die Auswirkungen des Geldscheffelns zeigt. Als Folge von Lebensmittelspekulation explodieren Preise für Grundnahrungsmittel weltweit. Viele Menschen in Ländern des globalen Südens können sich ihre tägliche Mahlzeit nicht mehr leisten und müssen hungern oder vor dem Hungertod fliehen.

Wer ist Kasimir Hahn?

„Der Name kam eigentlich aus dem Nichts“, lacht Martin Middelanis. „Wir wollten unsere Initialen nicht im Firmennamen unterbringen und uns gefällt das Logo mit dem Hahn, der einen Zylinder trägt, als Anmutung an das Bankenwesen.“ Es kommt übrigens nicht selten vor, dass Martin Middelanis oder einer seiner Mitgründer mit Herr Hahn angesprochen wird. Erklärungsbedürftig war auch der Begriff „Reibach“, den kannten viele Jüngere nicht, aber er passt natürlich perfekt zum Inhalt des Spiels.

Die Finanzwelt ist komplex und so muss man sich auch erst ein bisschen in das Spiel mit seinen 185 Karten und 54 verschiedenen Regeln einfuchsen. „Die erste Runde ist wirklich etwas zäh“, räumt Martin Middelanis ein. „Man muss das Spiel schon zwei Mal gespielt haben, um die ganzen Möglichkeiten kennenzulernen, dann macht es richtig Spaß.“ Und dann kann man es tatsächlich immer wieder spielen, denn es entstehen stets neue Spielsituationen und bis zum letzten Zug kann man alles gewinnen – oder verlieren. „Mit einer vorgefertigten Taktik kommt man beim ,Großen Reibach‘ nicht weit“, so der 25-Jährige, „denn jede Interaktion hat direkte Auswirkungen und erfordert eine entsprechende Änderung der Strategie. Ich würde es als Kennerspiel für Menschen ab 16 Jahre bezeichnen.“

Aufgabenteilung

Von Anfang an war für die vier Spiele-Enthusiasten klar, dass „Der große Reibach“ nachhaltig produziert werden sollte. Das war schwieriger als gedacht, denn alteingesessene Spieleproduzenten haben das Thema Nachhaltigkeit noch nicht auf dem Zettel. Eine „herkömmliche“ Druckerei erwies sich nach vielen Recherchen als Glücksgriff. Mittels Crowdfunding wurde die erste Auflage mit 1.000 Exemplaren produziert. „Der große Reibach“ ist mittlerweile nicht nur in Bielefelder Geschäften, sondern u. a. auch in Berlin, Bremen und Heidelberg zu finden. Maschinenbaustudent Nils Büteröwe kümmert sich um Social Media, Nils Bünger, studiert Physik und Philosophie, zeichnet für den Vertrieb verantwortlich, während Thomas Middelanis, Student der Landschaftsökologie, für Layout und den Kontakt zum Zeichner Simon zuständig ist. Martin Middelanis‘ Bereich umfasst Finanzen, Recht und PR. Seinen Zeitaufwand schätzt er auf 20 Stunden in der Woche.

Die beste Werbung ist derzeit die Mund-zu-Mund-Propaganda. Aktuell haben die vier Bielefelder einen Stand auf der europaweit größten Spielemesse in Essen. Am 16. und 17. November trifft man die Studenten auf der Spielewelt in Bielefeld. „Wir waren letztes Jahr schon da und schätzen die gute Atmosphäre dort. Da ist alles etwas entspannter als auf der großen Messe in Essen. Die Leute nehmen sich mehr Zeit und probieren die Spiele aus“, freut sich Martin Middelanis.

Und wird es bald ein neues Spiel aus dem Hause Kasimir Hahn Spielefabrik geben? „Da schwanken wir alle noch ein bisschen. Eine Idee gibt es schon. Die befasst sich mit der Situation auf dem Wohnungsmarkt. Das Problem ist, dass wir alle mitten im Studium sind und die Entwicklung, Produktion und Vermarktung eines Spiels kostet wirklich viel Zeit. Anderseits macht es auch richtig Spaß und es ist echt cool, wie sich die Leute über ein gutes Spiel freuen.“

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