1. Februar 2021
Follow-up: CollarCare

Follow-up CollarCare

Start-ups Story

Als wir das letzte Mal mit den Gründern von CollarCare sprachen, war das Start-up gerade in einer sehr entscheidenden Phase. Im Camp der Founders Foundation musste das Gründerquartett innerhalb von sechs Monaten seine Idee vom smarten Hundehalsband zur Marktreife bringen. Der Fokus lag seinerzeit auf dem gesundheitlichen Wohlbefinden des Hundes. Ein mit Sensoren ausgerüstetes Halsband sollte Daten rund um den Vierbeiner sammeln, um Aufschluss über seine Fitness zu bekommen und die individuelle Hundegesundheit zu bewerten. Dafür hatte CollarCare noch 70 Tage, 12 Stunden und 37 Minuten Zeit, wie an der digitalen Anzeige in der Founders abzulesen war. Hat es geklappt? Und was ist seit Sommer 2018 geschehen? Ein Interview mit Lukas Tenge.

Lukas, wie sieht’s mit CollarCare aus?

Ich merke gerade, wie viel seit unserem letzten Gespräch passiert ist. Zunächst haben wir den Fokus unserer Geschäftsidee verändert. Wir sind weggegangen von dem physischen Produkt, also von den Hundehalsbändern, und haben die App samt Plattformgedanken weiter vorangetrieben. Die Hundehalsbänder hätten einer langen Entwicklungszeit bedurft, da wir sie für verschiedene Rassen, Größen und den unterschiedlichen Bewegungsmustern der Tiere hätten anpassen müssen. Parallel hat sich schon eine Kooperation mit dem Bielefelder Unternehmen Hunter, die als qualitativer Marktführer in der Heimtierbranche gelten, ergeben. Dann kam der Zeitpunkt der Entscheidung: Gehen wir den Weg alleine weiter? Oder bündeln wir die Kräfte mit unserem Herzenskooperationspartner, um unsere Vision kraftvoller umzusetzen?

Ihr habt euch für den Exit entschieden. Warum?

Es hat sich einfach richtig angefühlt. Bei Hunter passte das Komplettpaket. Das wir von dem Exit auch finanziell profitiert haben, hat uns natürlich gefreut. Viel wichtiger war uns aber die gemeinsame Vision und die aufregende Perspektive, in diesem stark wachsenden Unternehmen mitgestalten zu können. Seit dem Verkauf im November 2019 sind wir, also Martin Fenkl, Mike Langendorf und ich, als Gründer-Trio bei Hunter fest angestellt. Wir hatten zwar auch andere Angebote auf dem Tisch, aber für uns war es keine Frage, mit Sack und Pack nach Süddeutschland zu ziehen. Wir wollten alle in Bielefeld bleiben. Und bei Hunter haben sich auch abgesehen von CollarCare viele spannende neue Projekte herauskristallisiert, die unheimlich viel Spaß machen und mit denen wir uns voll identifizieren können.

Wenn du zurückblickst, was war die größte Herausforderung als Start-up?

Die Herausforderung besteht darin, sich immer zu hinterfragen, ob man sich gerade wirklich auf dem kürzesten und effektivsten Weg befindet, um das definierte Ziel zu erreichen. Man sollte sich nicht von Ratschlägen anderer verunsichern lassen, kontinuierlich Feedback-Schleifen nach dem Lean-Startup-Modell ziehen und auf Basis von Daten Entscheidungen treffen. Eine weitere Herausforderung war sicherlich auch unser Plattform-Geschäftsmodell, das nicht auf Umsätzen basiert. Aus diesem Grund ist man langfristig von Finanzierungsrunden abhängig, was enorme Kräfte bündelt, die dann bei der Produktentwicklung und Skalierung fehlen. Gerade, wenn man ein kleines Team ist.

Was war für dich der größte Lerneffekt?

Mit wachem Blick von anderen zu lernen. Im Camp der Founders Foundation habe ich anfangs alles unreflektiert aufgesogen. Und je mehr ich mich mit der Materie beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass ich ja eigentlich auch auf dem Weg zum Experten bin. Oft kamen Leute ohne Kenntnisse des spezifischen Marktes mit vermeintlich guten Ideen. Da galt es dann zu differenzieren und zu filtern, welche Ideen wirklich gut waren.

Und deine beste Erfahrung?

Die witzigste Erfahrung war, als wir die Einladung der Zeitschrift „Business Punk“ angenommen haben. Das Konzept der Reportage war es, dass sich die Gründer mit der Redaktion betranken, um dann durch die Berliner Kneipen zu ziehen und wildfremden Menschen ihre Geschäftsidee zu erklären. Ein promillegeschwängerter Pitch, also. Aber die beste Erfahrung im Start-up-Leben ist es, wenn man abends nach Hause kommt und sich sagen kann: Hey, unsere Geschäftsidee ist heute ein paar Prozentpunkte vorangekommen. Ich glaube, dass man das im Angestelltenverhältnis seltener hat. Als Gründer erlebt man ja eine wilde Achterbahn. Montags denkst du, dass du Dienstag den Laden dichtmachen musst. Und am Dienstag denkst du, du bist der neue Jeff Bezos – um es mal überspitzt zu formulieren. Am schönsten ist es, ein Feature zu entwickeln, für das man positives Feedback bekommt.

Was sorgte für den eigentlichen Push?

Eigentlich kam der Push auf zwei Ebenen. Von außen hat es uns unheimlich gepusht, als wir von Apple nach Berlin zu einem Workshop eingeladen wurden, weil unsere App in den Apple-Charts steil gegangen ist. Sehr gefreut haben wir uns auch über die Auszeichnung „Bestes Accelerate Start-up in NRW 2018“. Die Kooperation mit Hunter, die wir bereits vor dem Exit hatten, hat ebenfalls für einen Motivationsschub gesorgt. Spannend waren auch immer die Runden zur Gewinnung von Investoren. Da haben wir über Monate viel Zeit, Schweiß und Tränen reingesteckt und wenn plötzlich die Angebote kommen, ist das mega. Mich persönlich hat es auch immer angetrieben, dass ich bei CollarCare mein eigenes Baby wachsen sehe. Und die vielen Pitches, die ich absolviert habe. Manche liefen besser, manche schlechter. Einen Pitch vor 600 Leuten habe ich richtig versemmelt. Das war meine Fuck-up-Erfahrung (lacht).

Was ist das nächste Ziel?

Wir arbeiten gerade daran, die digitale Transformation bei Hunter umzusetzen. Das gilt für die internen Prozesse genauso wie für die Erschließung digitaler Geschäftsfelder. Insgesamt finde ich es aus Marketingsicht sehr interessant, die Marke Hunter für den Endkunden sichtbarer zu machen. Die Transformation ist eigentlich eher eine digitale Ergänzung, denn Hunter ist als Hersteller schon seit über 40 Jahren erfolgreich am Markt.

Dein Tipp für Gründungsinteressierte?

So banal es klingt: einfach anfangen. Das ist wichtig. Zwar sollte man auch ein Fallpolster haben und nicht alles auf eine Karte setzen, aber was hat man eigentlich zu verlieren? Im Gründungsprozess lernt man viel mehr als in jedem Studium oder jeder Ausbildung. Die Voraussetzungen für Start-ups sind optimal. Mit der Founders Foundation haben Gründer zudem einen professionellen Rahmen. Ohne die Founders Academy und das Camp hätte ich wahrscheinlich nicht gegründet. Dort kommt man auch mit anderen Gründungsinteressierten in Kontakt. Denn nach Möglichkeit sollte man sich Co-Founder mit unterschiedlichen Skills suchen und nicht in erster Linie nach Sympathie gehen. Es ist gut, wenn auch die zwischenmenschliche Basis stimmt, aber man muss nicht unbedingt befreundet sein. Das könnte bei kontroversen Diskussionen für Konfliktstoff sorgen.

Was schätzt du an Bielefeld?

Für mich persönlich ist Bielefeld Heimat. Es ist Großstadt genug und ich mag die Nähe zur Natur. Aus Gründerperspektive würde ich sagen, dass Bielefeld zu den attraktivsten Gründerstandorten gehört. Wir haben einen starken Mittelstand, viele global player und hidden champions. So kommt man als Start-up schnell mit Unternehmen ins Gespräch. Die Gründer-Szene hier ist eher eine Community, in der man sich auch gegenseitig unterstützt und nicht gleich die Ellenbogen der anderen spürt. Die Konkurrenz ist einfach kleiner als in Berlin beispielsweise. Bielefeld bietet ein ideales Umfeld für Start-ups.

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