23. Oktober 2020
Medizinische Fakultät OWL

In Bielefeld Medizin studieren

Storys

In einem Jahr, zum Wintersemester 2021/22, öffnet die Medizinische Fakultät Ostwestfalen-Lippe (OWL) in Bielefeld ihren ersten – zunächst 60 – Studierenden die Türen und ebnet damit auch den Weg für den dringend benötigten Ärzt*innennachwuchs. Gleichzeitig stärkt sie den Gesundheitsstandort OWL, insbesondere den ambulanten Bereich, aber auch die deutsche Universitätsmedizin insgesamt. Professorin Dr. med. Claudia Hornberg ist die Gründungsdekanin der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld und treibt zusammen mit ihrem Team den Aufbau voran. 

Im Sommer 2017 hat die Landesregierung den Aufbau einer neuen medizinischen Fakultät für NRW beschlossen. Das erklärte Ziel: Die Hochschulmedizin in Nordrhein-Westfalen weiter zu fördern und die Zahl der ausgebildeten Mediziner*innen signifikant zu erhöhen. Mittel- bis langfristig soll die Medizinische Fakultät OWL zudem der in Ostwestfalen-Lippe ansässigen Gesundheitswirtschaft weiteren Auftrieb geben. Zu den möglichen Effekten zählen Neugründungen sowie eine Stärkung bereits ansässiger medizinisch-technologischer, pharmazeutischer, forschender und produzierender Unternehmen. 

In den kommenden Jahren wird die Zahl chronisch kranker und alter Menschen in der Bevölkerung erheblich ansteigen. Ziel der Landesregierung ist es, dem Mangel an allgemeinmedizinischer Versorgung – insbesondere auch auf dem Land – zu begegnen. Dieser Fokus spiegelt sich künftig im Profil der neuen Fakultät und im Modellstudiengang Humanmedizin wider, beispielsweise durch die Einbeziehung von Hausärzt*innen und die Einrichtung eines Lehr- und Forschungspraxennetzwerks. Für die Universität Bielefeld bedeutet die Medizinische Fakultät OWL eine strategische Erweiterung ihres Studienangebots und ihres Forschungsportfolios.

Forschungsprofil

Mit dem Forschungsprofil „Medizin für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen“ intensiviert die neue Fakultät künftig die Forschung, um das Wissen über sowie die Kompetenzen bei der Versorgung und der Teilhabe von chronisch Erkrankten und Menschen mit Behinderungen zu stärken. Mit diesem Ansatz erfüllt die Medizinische Fakultät OWL also einen wichtigen medizinischen und gesellschaftlichen Auftrag. Der Wissenschaftsrat, das höchste wissenschaftliche Beratungsgremium in Deutschland, hat dies in seinen Empfehlungen ausdrücklich hervorgehoben und der Forschungsausrichtung ein Alleinstellungsmerkmal mit hoher gesellschaftlicher Relevanz zugesprochen. 

Denn wer sich die Liste der chronischen Erkrankungen im ambulanten Versorgungsbereich anschaut, stellt fest, dass hier der überwiegende Teil der Patient*innen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen behandelt wird. Der Anspruch – und zwar im Sinne aller im Gesundheitswesen Tätigen, Patient*innen, Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen – ist es, Erkenntnislücken zu schließen, um langfristig eine verbesserte Versorgungssituation zu erreichen. 

Die Ausgangsbedingungen sind dafür hervorragend: Das Evangelische Klinikum Bethel, das Klinikum Lippe sowie das Klinikum Bielefeld, die gemeinsam das Universitätsklinikum OWL bilden, sowie die Lehr- und Forschungspraxen der Region verfügen über die notwendige Expertise in der ambulanten sowie stationären Versorgung dieser Patient*innen. Sie beteiligen sich, wie auch Wissenschaftler*innen weiterer Fakultäten der Universität Bielefeld, am Aufbau der Medizinischen Fakultät OWL, beispielsweise in interdisziplinären Forschungsprojekten. Bislang reichten Wissenschaftler*innen und klinische Forscher*innen im Ausschreibungsverfahren des Anschubfonds Medizinische Forschung 24 Anträge ein. Eine Auswahlkommission hat eine Empfehlung für Projekte getroffen, die der Anschubfonds zunächst fördert.

Universitätsklinikum OWL

Eine wichtige Säule des Medizinstudiums ist die klinische Ausbildung. Sie erfolgt traditionell zu einem Großteil im Krankenhaus. Doch statt ein eigenes Universitätsklinikum zu betreiben, kooperiert die Universität Bielefeld mit Krankenhausträgern der Region. Sie bilden gemeinsam das „Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld (UK OWL)“. Zu den drei Kooperationspartnern zählen das Evangelische Klinikum Bethel, das Klinikum Bielefeld und das Klinikum Lippe. Sie unterschrieben nach Abschluss der Verhandlungen im Juli 2019 den entsprechenden Rahmenkooperationsvertrag. Er legt unter anderem Aufgaben, Rechte und Pflichten der Zusammenarbeit fest und regelt das Zusammenwirken bei Ausschreibung und Besetzung der klinischen Professuren.

Modellstudiengang Humanmedizin

Das humanmedizinische Studium startet als Modellstudiengang zum Wintersemester 2021/22 an der Universität Bielefeld. Neben der kontinuierlichen fachbezogenen Vorbereitung auf die vielfältigen Anforderungen ärztlicher Tätigkeiten berücksichtigt er die Perspektive der ambulanten Medizin im besonderen Maße. Der Modellstudiengang gliedert sich in einen 1. Studienabschnitt mit sechs und einen 2. Studienabschnitt mit vier Fachsemestern. Im Anschluss folgt das Praktische Jahr (PJ). Geplant sind anstelle der ersten zentralen Prüfung („M1“) zwei äquivalente Prüfungen im 1. Studienabschnitt. Das Studium schließt regulär mit dem Staatsexamen nach Ärztlicher Approbationsordnung (ÄApprO) ab.

Das Curriculum basiert auf einer organ- und themenzentrierten Lehre entlang von Themenblöcken und Kursen, die sich – im Sinne einer Lernspirale – durch das gesamte Studium ziehen. So werden ab dem ersten Fachsemester theoretische und klinische Inhalte miteinander verknüpft und ein integratives Lernen ermöglicht. Bereits in den ersten Studiensemestern genießen Praxisorientierung und klinische Inhalte einen hohen Stellenwert. Angeboten wird zudem ein fakultatives Bachelorstudium mit dem Abschluss „B. Sc. Interdisziplinäre Medizinische Wissenschaften“. Studierende können dadurch nach dem ersten Studienabschnitt und einem zusätzlichen Fachsemester einen ersten qualifizierenden Abschluss erwerben. Der Bachelorgrad ist allerdings nicht die Qualifikation, um eine ärztliche Tätigkeit auszuüben. Er bildet vielmehr die Basis für eine vertiefende wissenschaftliche Ausbildung.


3 Fragen an: Prof.*in Dr. med. Claudia Hornberg

Gründungsdekanin der Medizinischen Fakultät OWL

  1. Zum Wintersemester 2021/22 soll das Medizinstudium in Bielefeld beginnen. Wie weit sind Sie aktuell?
    Wir kommen sehr gut voran. Nachdem der Wissenschaftsrat unser Konzept positiv bewertet hat, haben wir auch inhaltlich den nötigen Rückenwind. Aktuell beschäftigen uns zum Beispiel die Berufungsverfahren: Gerade laufen 20 Verfahren, die ersten Professuren sind besetzt und weitere stehen kurz davor. Ich freue mich sehr darüber, dass gerade so ein wichtiges Fach wie die Anatomie die erste Professur war, die wir besetzen konnten, gefolgt von der Allgemein- und Familienmedizin und der Digitalen Medizin. Wir treiben die Studiengangsentwicklung und den Aufbau des Lehrpraxennetzwerkes mit Hochdruck voran, um den Zeitplan einhalten zu können. Im Sommer fiel der Förderentscheid zum Anschubfonds Medizinische Forschung. Damit unterstützt die Universität Bielefeld Kooperationen zwischen Forscherinnen der Universität Bielefeld und forschenden Ärztinnen aus dem klinischen und niedergelassenen Bereich. Diese Kooperationsprojekte schärfen unser Forschungsprofil weiter.
  2. Ziel ist es, in Bielefeld eine Universitätsmedizin mit starker Forschungsleistung zu etablieren. Dafür steht auch die Kooperation mit den drei großen Krankenhäusern der Region, dem Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB), dem Klinikum Bielefeld und dem Klinikum Lippe. Welche Vorteile bringt die Bündelung von universitärem und klinischem Wissen mit sich?
    Das Forschungsprofil „Medizin für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen“ ist medizinisch und gesellschaftlich enorm wichtig. Das fängt bei der medizinischen Grundversorgung der Patient*innen an, reicht bis zur Pflege und betrifft alle gesundheitsbezogenen Berufsgruppen. Wir folgen einem Ansatz, der Grundlagenforschung mit praktischen klinischen Anwendungen von Forschungsergebnissen verbindet. Damit können auch klinische Fragestellungen zurück an die Wissenschaft gespiegelt werden. Und wir nutzen bereits etablierte und bewährte Strukturen und Netzwerke an der Universität Bielefeld und in der Region Ostwestfalen-Lippe. Außerdem planen wir ein Netzwerk von niedergelassenen Praxen, die als Forschungspraxen mit der Medizinischen Fakultät OWL gemeinsame Projekte verfolgen.
  3. Die inhaltliche Aufbauarbeit der Medizinischen Fakultät OWL gliedert sich in viele Einzelprojekte. Wie organisiert man die?
    Der Aufbauprozess ist in 12 Projekten mit unterschiedlichen Aufgaben organisiert: Das sind beispielsweise der Aufbau der Professuren, die Curriculumsentwicklung, die Entwicklung des Forschungsprofils oder der zukünftigen standortübergreifenden IT-Struktur.
    Das Projekt Curriculumsentwicklung beschäftigt sich beispielsweise mit dem Konzept und der Umsetzung der Lehre im Studiengang Humanmedizin. Daran arbeiten etwa 30 Mitarbeiter*innen aus der Medizinischen Fakultät OWL und der Zentralverwaltung der Universität eng zusammen. Sie organisieren in insgesamt sechs Teilprojekten unter anderem die inhaltliche Ausgestaltung des Curriculums, den Aufbau eines Lehrpraxennetzwerks für die Lehre im ambulanten Bereich und klären lehr- und studienorganisatorische sowie juristische Belange. In Arbeitsgruppen wird außerdem das Erfahrungswissen von mehr als 250 Mediziner*innen aus den Kliniken und Praxen der Region und Wissenschaftler*innen aus den anderen Fakultäten genutzt.
    Alle am Aufbau beteiligten Teams arbeiten dabei mit Instrumenten des agilen Projektmanagements. Damit können sie auf ständig neue Anforderungen und Begebenheiten eingehen und sich untereinander laufend abstimmen.Wir sind auf einem guten Weg, bleiben immer auf der Ziellinie und können im Wintersemester 2021/22 starten.

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