1. Dezember 2019
Das Evangelische Johanneswerk setzt auf neue Versorgungsmodelle

Innovation im Fokus

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Auch soziale Einrichtungen sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert: Wie geht eine der großen diakonischen Unternehmen mit dem Fachkräftemangel um und gibt es in der Altenpflege überhaupt Innovationspotenzial?

Pastor Dr. Ingo Habenicht, Vorsitzender des Vorstands und der Geschäftsführung des Evangelischen Johanneswerks, im Interview.

Herr Dr. Habenicht, die ganze Welt redet vom Fachkräftemangel. Hand aufs Herz: Ist auch eine große soziale Einrichtung wie das Ev. Johanneswerk betroffen?

Ich denke, es gibt kaum einen Arbeitgeber, der nicht betroffen ist. Durch den demografischen Wandel muss man in der Altenpflege nicht die Kunden suchen, sondern die Mitarbeiter. Aus unserer Sicht ist aber der Begriff „Fachkräftemangel“ zu kurz gefasst. 

Wie meinen Sie das?

Mitarbeiter fehlen an allen Enden:  Es gibt eben nicht nur einen Mangel an Fachkräften, es fehlen auch Führungskräfte und Hilfskräfte. Durch unsere Größe mit insgesamt mehr als 7.000 Mitarbeitern haben wir einen gewissen Bekanntheitsgrad, der es uns sicherlich etwas leichter macht, Mitarbeiter zu gewinnen, als kleineren Unternehmen. Dennoch ist es auch für uns schwerer geworden, die passenden Mitarbeiter zu finden. Denn wir suchen ja nicht nur Menschen, die bei uns arbeiten, sondern diejenigen, die gut qualifiziert sind und zudem unsere Vision teilen, nämlich, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt und in Gemeinschaft leben können. 

Was kann man aus Ihrer Sicht gegen den Fachkräftemangel tun?

Ein wichtiger Aspekt ist es, Ausbildungsmöglichkeiten, aber auch entsprechende berufliche Perspektiven zu schaffen. Ich denke, in dieser Hinsicht ist Bielefeld im Gesundheits- und Sozialwesen mit der Vielzahl an verschiedenen Trägern überdurchschnittlich gut aufgestellt. Und auch die geplante medizinische Fakultät wird sicherlich noch verstärkt dazu beitragen, dass Menschen hierherkommen und dann eben auch bleiben.

Sie haben allein in Bielefeld rund 1.400 Mitarbeiter. Womit punkten Sie?

Vor allem damit, dass wir uns intensiv dafür einsetzen, dass unsere Mitarbeiter gern ein Teil des Evangelischen Johanneswerks sind – und indem wir ihren Einsatz anerkennen. Wir bezahlen tariflich, was viele andere Träger nicht tun – das macht dann schnell im Gehalt einmal einen Unterschied von bis zu 20 Prozent aus. Und natürlich fördern wir auch die persönliche Weiterbildung.

Work-Life-Balance wird immer wichtiger. Ist dies in Berufen mit Schichtarbeit wie in der Alten- und Krankenpflege überhaupt möglich?

Ich denke, der Begriff „Work-Life-Balance“ trifft es nicht ganz – es sollte eher Life-Balance heißen, denn Arbeit ist ja ein Teil des Lebens. Natürlich ist es im Schichtsystem eine größere Herausforderung, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu erreichen, denn wir brauchen Mitarbeiter auch an Wochenenden und nachts. Deshalb haben wir zwölf grundlegend unterschiedliche Arbeitszeitmodelle, die wir mithilfe von IT-Programmen zudem individuell passgenau aussteuern. Außerdem unterstützen wir unsere Mitarbeiter, wenn sie sich außerhalb des Johanneswerks engagieren möchten. Und wir setzen uns stark für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein – da sind wir sogar zertifiziert. Dass das gut funktioniert, zeigt auch der hohe Anteil an Frauen in unseren Führungspositionen von knapp 70 Prozent.

Ist ein Unternehmen nicht innovativ, so wird es schnell abgehängt. Innovation in der Altenpflege – geht das überhaupt?

Und ob! Allerdings geht es bei uns weniger um Themen wie Künstliche Intelligenz oder das Abbauen von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung, denn wir sind davon überzeugt, dass der menschliche Kontakt im Sozial- und Gesundheitswesen nicht ersetzt werden kann und sollte. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Entwicklung von innovativen Versorgungsmodellen, d.h. wie wir gewährleisten können, dass die Menschen länger zu Hause leben können und ganze Nachbarschaften inklusiv zusammenarbeiten.

Wie könnte so ein zukünftiges Versorgungsmodell konkret aussehen?

In Kooperation mit den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, der Universität Bielefeld, dem Arbeiter-Samariter-Bund sowie den Städten Herford und Bielefeld haben wir bis vor Kurzem an dem dreijährigen Modellprojekt „Pflege stationär – weiterdenken“ gearbeitet, um die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege aufzubrechen. So können Menschen, die ambulant gepflegt werden, beispielsweise im Altenheim ihre Mahlzeiten zu sich nehmen und Mitarbeiter des Altenheims auch in der ambulanten Pflege zu Hause eingesetzt werden. Ein spannendes Projekt mit viel Zukunftspotenzial.

Fast jeder hat es schon einmal gehört: Bielefeld, die Stadt, die es nicht gibt. Was macht die Stadt für Sie so besonders – kurz und knapp?

Ich empfinde Bielefeld im Deutschlandvergleich als eine sehr soziale Stadt mit einem tollen
Klima und Miteinander. Trotz Großstadt sind die Wege kurz, man kennt und hilft sich. Dass diese Realität weiter nach außen getragen wird und sich in den Köpfen der Menschen auch außerhalb von Ostwestfalen-Lippe verankert, das wünsche ich mir. 

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