23. Oktober 2020
WEGE Wirtschaftsgespräch

Mit Sinn und Verstand

Storys

Die Unternehmen in Bielefeld machen ein gutes Leben in der Stadt möglich – und die gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die Natur drumherum und die Kultur mittendrin sorgen dafür, dass die Firmen gerne hier bleiben oder sich neu ansiedeln. Klar ist: Nur alles zusammen funktioniert. 

Wie man sinnvoll wirtschaftet und mit seinem Wirtschaften Sinn erzeugt, diskutieren Wilhelm A. Böllhoff, geschäftsführender Gesellschafter der Böllhoff-Gruppe, Hanna Drabon, Mitglied der Geschäftsleitung von comspace, Dominik Gross, CFO der Founders Foundation, Michael Heicks, Intendant der Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld, Dr. Fabian Schühle, Geschäftsführender Gesellschaftter der Anker Kassensysteme GmbH und Kathrin Stühmeyer-Halfar, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Halfar System GmbH.

Frau Drabon, warum macht es Sinn für ein Unternehmen, in Bielefeld zu sein?

Hanna Drabon: Als Zugezogene, die die Stadt gar nicht so gut kannte, finde ich an Bielefeld diese spezielle Größe und die Vernetzung besonders gut. Ich kann hier Ideen immer irgendwo einbringen und auf Resonanz stoßen. Gleichzeitig verpuffen diese Ideen auch nicht, weil es genug solide Strukturen gibt, die auch sagen „Hey, wir setzen das auch wirklich um.“ 

Michael Heicks: Mir geht es ähnlich. Ich bin als Intendant berufen worden, insofern hatte ich gar keine andere Chance (lacht). Im Ernst: Ich hatte vorher lange in Hamburg gelebt und am Anfang ein bisschen Sorge, ob das nicht ein bisschen zu klein ist hier. Aber ich habe genau das erlebt, was Sie gerade beschrieben haben. Hier ist ein ganz anderes Netzwerken möglich. Die Stadt lässt eine bestimmte Anonymität noch zu, aber ermöglicht es auch, schnell in Kontakt zu kommen.

Dr. Fabian Schühle: Als Münsteraner, der erst fünf Jahre hier lebt, stelle ich immer noch oft fest, dass Bielefeld echt ein Geheimtipp ist. Ich bin und war überrascht, welche namhaften Unternehmen aus Bielefeld kommen. Und auf der anderen Seite arbeitet hier ein unglaubliches Netzwerk mittelgroßer, hochspezialisierter Mittelständler, so dass wir zwei Drittel unserer Wertschöpfungskette in Ostwestfalen haben, direkt vor der Haustür und auch zu attraktiven Konditionen. 

Kathrin Stühmeyer: Für uns ist Bielefeld aus einem ähnlichen Grund sinnvoll: Wir produzieren Taschen und Rucksäcke und sind vielleicht nur deswegen so gewachsen, weil es hier bei unserer Gründung vor 20 Jahren immer noch eine Struktur gab, die einem Textilunternehmen wie uns den Start ermöglichte. Gleichzeitig kann man auch von Bielefeld aus sehr gut Produkte importieren. 

Herr Gross, Sie kümmern sich um Start-ups, sehen Sie das ähnlich positiv? 

Dominik Gross: Ja, der Mittelstand, der sich hier entwickelt hat, hilft uns sehr. Wir wollen ja Talente aus Bielefeld und Umgebung halten und mit ihnen die Digitalisierung gestalten, aber auch ein Magnet für Talente von außen werden. Und dann wollen wir dafür sorgen, dass die nächste Generation hier bleibt und genauso erfolgreich wird wie die Unternehmen, die schon hier sind. Das ist gar nicht abwegig: Das deutsche Google, so heißt es, sei der Mittelstand. Die größten 15 Unternehmen in der Region gehören genau dazu mit ihren insgesamt 70 Milliarden Euro Umsatz – wenn man das sieht, sitzen wir hier in der Konzernzentrale von Google.

Herr Böllhoff, Ihr Unternehmen passt genau in diese Beschreibung. Warum sind Sie immer noch hier, was macht Bielefeld aus? 

Wilhelm A. Böllhoff: Mein Großvater kam vor bald hundert Jahren nach Bielefeld, weil das von seinem Vater 1877 gegründete Unternehmen im Ruhrgebiet am Ende des Ersten Weltkrieges als besetzte Zone plötzlich in Frankreich lag. Im Jahr 2023 werden wir nun unser Hundertjähriges in Bielefeld feiern. Ich selbst war während meines Berufslebens jahrelang raus aus der Stadt und bin doch sehr gerne wiedergekommen. Bielefeld hat eine sehr gute Größe, die perfekte Kombination aus Anonymität und Nähe, einen starken Mittelstand und eine tolle geografische Lage. 

Bielefeld ist also ein Standort, an dem man gut netzwerken und wirtschaften kann. Wenn wir auf die großen Herausforderungen schauen, wie den Klima- oder den demografischen Wandel, neue Handelsrestriktionen oder auch die Digitalisierung: Können Sie in Bielefeld Wirtschaft auch so neu denken, wie es gerade nötig ist? 

Böllhoff: Müssen wir Wirtschaft wirklich neu denken? Ich glaube eher, dass wir sie weiterdenken müssen, das haben wir gerade durch Covid-19 gelernt. Nehmen Sie die Digitalisierung, auch wir haben immer mehr Home-Office-Lösungen und sind in der Welt virtuell unterwegs. Wir müssen lernen, dass Wirtschaften nicht immer bedeutet, eine Fabrik mit 10.000 Mitarbeitenden zu haben, sondern dass es auf das Miteinander von traditionellem Mittelstand und disruptiven Unternehmen ankommt. 

Dafür sind Sie Spezialist, Herr Gross. 

Gross: Es kommt eine Generation, die sich wie jede neue Generation herausnimmt, Dinge anders zu machen. Mit diesen jungen Menschen arbeiten wir in der Founders Foundation und sie haben die Freiheit, nur nach vorne zu schauen und etwas komplett neu zu denken. Das ist ja eine wahnsinnige Chance. Für uns ist in der Gründungsausbildung wichtig, dass wir ihnen auch die Verantwortung mit auf den Weg geben, diese Zukunft nachhaltig zu gestalten. Dazu gehören die Herausforderungen des Klimawandels oder auch der vertrauensvolle und ethische Umgang mit der Digitalisierung.

Die Corona-Krise zeigt auch, dass eine gewisse Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit gegenüber den neuen Entwicklungen in allen Teilen der Gesellschaft wichtig sind. Gilt das auch für das Theater? 

Heicks: Wir sind als Kulturbetrieb durch die ganzen Einschränkungen natürlich extrem betroffen, aber wir sind das ja auch gewohnt: Theater hat sich immer schon verändert und auch immer wieder durchgesetzt. Ich sehe uns zudem als eine Art Labor. Alles das, was an Zeitströmungen in einer Gesellschaft passiert, national wie international, saugen wir auf. 

Wie haben Sie die Corona-Zeit bisher überstanden? 

Heicks: Wir haben uns angepasst. Das Motto unserer aktuellen Spielzeit war da fast schon visionär, es ist allerdings schon vor Corona entstanden. „Alles könnte anders sein“, heißt es. Es ging uns dabei vor allem darum, zu zeigen, dass wir in einer sehr offenen, transparenten Gesellschaft leben und von da ausgehend schauen müssen, wie wir die Aufgaben, die vor uns liegen, angehen können. Und die Aussage war: Ich kann viel besser gestalten, wenn es mir gut geht, so wie uns eben. Deswegen konnten wir auch gut auf Corona reagieren. 

Wie viel Kreativität, wie viel zukunftsgerichtete Energien und Ideen braucht man, um mit der Situation umzugehen, Frau Stühmeyer? 

Stühmeyer: Wir haben uns ganz am Anfang erst mal nur gefragt: Wie kommen wir nun an unsere Ware, die dringend auf See gehen muss? Als sich die Krise weiterentwickelte, kamen die nächsten Gedanken: Wer soll das alles kaufen? Wir hatten ja gute, umsatzstarke Jahre, und unsere Lager waren bereits gut gefüllt. Ziemlich schnell aber habe ich gemerkt, dass es erst einmal auf etwas Anderes ankommt. Ich habe viele Menschen hier in der Stadt sehr bewundert, die etwas getan haben, die Kaufleute zum Beispiel, unterschiedliche Vereine, Stiftungen oder auch die Bielefelder Tafel. Alle haben versucht, sich gegenseitig zu helfen und den Notleidenden wirklich Hilfe zukommen zu lassen. Wir haben dann auch damit angefangen und zum Beispiel Masken produziert.

Wie schätzen Sie die generellen Herausforderungen ein, etwa im Bereich der Digitalisierung? 

Stühmeyer: Vergangenes Jahr bei einem Kongress zum Thema New Work wurde Ostwestfalen als absoluter Leuchtturm und das „neue Berlin“ hervorgehoben, was zum einen sicherlich an der Arbeit der Founders Foundation, zum anderen aber auch an unserer mittelständisch geprägten Wirtschaft liegt, die immer den Anspruch hat, mit Herausforderungen selbst fertig zu werden. Das ist hier immer schon so gewesen, und wird auch weitergegeben, von Generation zu Generation.

Sehen Sie das genauso, Frau Drabon? 

Drabon: Ja, ich finde vor allem, dass die Bielefelder Unternehmen, egal aus welcher Branche sie kommen, ihr Handwerk verstehen. Das ist in unserem Bereich ja auch so, und wenn man etwas beherrscht, kann man es auch vernünftig einsetzen. Für uns ist es dabei wichtig, in unserem Geschäftsmodell Themen wie Corporate Digital Responsibility mit zu denken. Ein Thema, das aus der Nachhaltigkeitsbewegung entstanden ist und für das es noch kein einheitliches Framework gibt. Wir haben eine Kollegin im Team, die ausschließlich für den Bereich Datenschutz und digitale Ethik zuständig ist und im Netzwerk daran arbeitet, dieses Framework zu gestalten.

Herr Schühle, wenn wir gerade schon bei nachhaltigen Geschäftsmodellen und der Digitalisierung sind: Wie gehen Sie das an, als Unternehmen, das bisher zumindest vor allem Kassensysteme für Bargeld produziert? 

Dr. Schühle: Wir haben uns auch in der Krise gut behauptet, weil wir vor allem den Lebensmitteleinzelhandel beliefern, Apotheken, Tankstellen und Drogeriemärkte, also alles, was in Corona-Zeiten offen hatte. Das sind unsere Kernkunden, zu denen alle namhaften Ketten gehören. Für die Zukunft setzen wir uns parallel aber gerade viel mit digitalen Zahlungssystemen auseinander, die Kartenzahlung nimmt auch in Deutschland ständig zu. 

Wie machen Sie das?

Schühle: Wir führen gerade sehr viele Gespräche in der Start-up-Szene, um unsere digitale Kompetenz zu erweitern. Wir wollen dabei als kleine Firma mit 70 Mitarbeitenden natürlich unternehmerisch sinnvoll handeln und nicht selbst etwas von null entwickeln. Dabei können wir uns vorstellen, auch ein Start-up zu übernehmen, das mit uns Ideen weiterentwickelt.

Wir alle wissen, dass Unternehmen junge Menschen anziehen, wenn sie einen Sinn, neudeutsch einen Purpose haben. Womit locken Sie die jungen Generationen an, Herr Böllhoff?  

Böllhoff: Am Anfang steht immer eine Vision, die auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen. Und das ist bei uns die „Begeisterung für erfolgreiche Verbindungen“ – mit diesem Slogan gehen wir ein wenig spielerisch mit unserem Hauptprodukt um, der Verbindungstechnik. Dahinter steckt, dass wir einem, auf den ersten Blick recht einfachen, mechanischen Produkt einen großen Nutzen geben. Hinzu kommt, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter international tätig sein, aber auch wie nie zuvor flexibel von zu Hause arbeiten können. Daraus entstehen zum Beispiel auch ganz neue Arbeitsformen. 

Was heißt das?

Böllhoff: Ich habe schon vor ungefähr 30 Jahren bei einer amerikanischen Unternehmensberatung in Düsseldorf so gearbeitet, wie ich mir das in Zukunft auch bei uns in vielen Abteilungen vorstellen kann. Wir leben zudem zum Glück in einer Zeit, in der die Wirtschaft weiblicher wird. Das fängt etwa beim Thema Elternzeit an, zu der wir auch die Männer motivieren.

Frau Stühmeyer, wie vermitteln Sie der jungen Generation, dass Ihr Unternehmen Sinn stiften kann? 

Stühmeyer: Wir müssen auf jeden Fall über die Produkte gehen, fragen, ob diese eine Daseinsberechtigung haben. In unserer Branche, in der Taschen oder Rucksäcke auch als Werbemittel hergestellt werden, ist das ein Riesenthema. Wir brauchen eine hervorragende Qualität, damit die Produkte nicht einfach Wegwerfartikel sind. Dieser ökologische Punkt interessiert die jungen Mitarbeiter extrem. Das zweite Thema ist die Lieferkette, in der ebenfalls Umweltbewusstsein, aber auch soziale Verantwortung enorm wichtig sind. Dafür interessieren sich die Nachwuchskräfte schon in den Bewerbungsgesprächen. Das nehmen wir auf und zeigen auch Haltung dazu. 

Sie gehören selbst zu der Generation Y, die allen Studien zufolge den Purpose sehr in den Vordergrund stellt, Frau Drabon. Stimmt das aus Ihrer Sicht? 

Drabon: Absolut, das ist für meine Generation, glaube ich, viel wichtiger geworden als in den Generationen davor. Diese Kultur hat auch etwas damit zu tun, dass wir als Digital Natives anders an Kommunikation herangehen. Der Unterschied zwischen Generation Y und den anderen ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Twitter und einer Zeitung – es ist jetzt viel selbstverständlicher, aktiver Teil zu sein, zu kommentieren und auch mitzubestimmen. Dementsprechend führen wir auch ein Unternehmen anders als das vielleicht noch vor ein paar Jahren möglich war. Junge Menschen wollen etwas bewirken und mitbestimmen können.

Heicks: Das ist auch für uns sehr spannend. Wir haben seit einigen Jahren als eines der ersten Theater die klassischen Hierarchien verändert und arbeiten vor allem in Teams, die dann auch für das, was sie tun, verantwortlich sind. Das funktioniert aber nur, wenn wir den Mitarbeitenden vorher das Vertrauen geben, dass sie Verantwortung übernehmen können. 

Ist das immer einfach? 

Heicks: Nein, auch für mich nicht (lacht). Die jungen Leute haben eine ganz andere Wahrnehmung, wie etwas zu organisieren ist. Und weil wir es gerade im Theater viel mit starken Persönlichkeiten zu tun haben, ist das manchmal viel Arbeit. Aber das hat auch einen gigantischen Vorteil, weil sie eine ganz andere Kraft entwickeln. Wir nutzen das übrigens auch außerhalb des Theaters, in dem wir Firmen beim Employer Branding helfen, mit Angeboten zur Personalentwicklung für jüngere Leute oder auch Workshops für Führungskräfte. Diese Vernetzung zwischen Kultur und Wirtschaft ist sehr interessant. 

Wir sprechen viel über den Sinn – wie sieht es damit dort aus, wo noch alles offen ist: Bei den Start-ups? 

Gross: Die erste Frage, die sich jedes Start-up beantworten muss, ist die nach dem „Warum“. Was wollt ihr bewegen, was wollt ihr verändern, fragen wir die jungen Leute manchmal stundenlang bei unseren gemeinsamen ersten Sitzungen. Sie haben zwar die Freiheit, alles so zu machen wie sie wollen, aber manchmal haben auch traditionelle Unternehmen einen Vorteil, wenn es um das Sinn stiften geht: Sie haben das schon über Generationen hinweg geleistet. 

Dr. Schühle: Das denke ich auch. Tradition im Unternehmen kann durchaus Identifikation und damit auch Sinn schaffen. Darauf muss man als Arbeitgeber auch einzahlen und das an die Mitarbeiter transportieren. Diese wollen, das haben wir schon besprochen, viel mehr mitbestimmen als früher. Das ist gut, und das ermöglichen wir ihnen auch. Nur so kann ein Mitarbeiter sich mit dem Unternehmen und seiner Arbeit identifizieren, die heute oft ja auch nicht mehr um 17 Uhr aufhört, sondern tendenziell ein stärkerer Teil des Lebens wird. 

Kann der Sinn auch sein, so schnell reich zu werden, wie es geht? 

Gross: So etwas gibt es auch, aber die meisten möchten unternehmerisch etwas bewegen. Dazu gehört auch eine innovative Unternehmenskultur, und dafür reicht es nicht, einfach nur einen coolen Raum einzurichten. Wir bauen mit der Founders Foundation etwas auf, das genau das vermittelt: Eine andere offenere transparente Kommunikationsatmosphäre zum Beispiel, in der sich aber jeder auch zurückziehen kann, wenn es nötig ist. Das schafft neue Geschwindigkeit, erfordert aber eben auch das Vertrauen, wie Herr Heicks es eben schon sagte. Und es braucht auch immer noch Menschen, die etwas entscheiden, damit der Prozess weitergeht.

Neben der Arbeit, über die wir die ganze Zeit geredet haben, gibt es ja auch das Privatleben, die Familie und die Freizeit. Inwiefern macht Bielefeld an dieser Stelle Sinn für Menschen, die vielleicht beruflich hierhin kommen möchten. 

Heicks: Ich fange mal direkt an, ich bin ja mittendrin als Anbieter. Wir leisten hier genauso wie die anderen Kultureinrichtungen eine Menge, aber die eigentliche Frage ist natürlich immer die nach der Qualität. Und dann reden wir schnell über politische Entscheidungen, weil Qualität nur mit guten Leuten zu machen ist. 

Wer ist denn Ihre Zielgruppe, die diese Qualität verlangt? 

Heicks: Erst einmal natürlich die Menschen, die hier und in der Region leben, die natürlich auch in anderen Städten Theater sehen und das vergleichen. Dazu kommen Gäste von weiter weg, die sich spezielle Stücke anschauen. Und dann, ganz besonders wichtig, die Künstlerinnen und Künstler selbst. Wir haben heute die Chance, gute junge Leute zu bekommen, die noch beweglicher geworden sind als früher. Dafür müssen wir aber als qualitätsvolles Haus wahrgenommen werden, damit sie auch zu uns kommen. 

Drabon: Ich sehe das genauso. Sind wir doch mal ehrlich: Warum gehen die Leute nach Berlin? Nicht, weil es da Wohnraum zu kostengünstigen Preisen und hohe Gehälter gibt, sondern weil die Kultur dort so verheißungsvoll ist. Sie ist kein netter Standortfaktor, sondern essenzieller Teil dieser Stadt. Bevor ich wusste, wo Bielefeld liegt, wusste ich, was es hier an Clubs gibt. Da habe ich zum Beispiel das Forum gefunden, das als gemeinnütziger Verein seit mehr als 40 Jahren Kultur macht.

Böllhoff: Ich möchte an dieser Stelle noch etwas in den Raum werfen, was ebenfalls Bielefeld national und sogar international immer wieder bekannt gemacht hat: Die Arminia. Der Fußball spielt immer eine Rolle, und mich freut es sehr, dass Bielefeld nun wieder in der Bundesliga spielt. Außerdem sehe ich auch unsere besondere geografische Lage in der Natur: Wenn man sich Bielefeld von oben ansieht, dann ist es schon außergewöhnlich, dass der Teutoburger Wald mit dem Hermannsweg mitten durch die Stadt geht. Oder unser Tierpark – es gibt nur ganz wenige Städte in Deutschland, die so einen frei zugänglichen Ort haben. 

Stühmeyer: Ich sehe noch zwei weitere gute Argumente für Bielefeld: Man kann sich hier sehr gut weiterbilden, in den vielen Hochschulen und Instituten. Und wir haben noch einen gemäßigten, moderaten Wohnungsmarkt, es ist also möglich, sich hier Dinge aufzubauen, die in Großstädten nicht mehr möglich sind. 

Gross: Mir fällt noch auf, dass die gute Situation von Bielefeld auch daran liegt, dass die bestehenden Unternehmen sich so wahnsinnig gut engagieren. Man darf nicht unterschätzen, dass sie viele Initiativen mitfinanzieren und unterstützen und dass das eine sehr gute kulturelle Landschaft für eine Stadt dieser Größe zulässt, in der Spitze wie in der Breite. Ich finde aber immer auch wichtig, dass wir uns Einflüssen von außen öffnen. Bei uns hat eine Kollegin angefangen, die in New York groß geworden, ein paar Jahre in Berlin und Singapur war und nun zurück nach Bielefeld gekommen ist. Allein, was sie an Eindrücken und Ideen mitbringt! Wenn sie erzählt, dann kommt das Gehirn wieder in Gang. 

Drabon: Natürlich müssen wir auch weiter an dem Image der Stadt arbeiten. In den letzten Jahren war ja immer der Klassiker: „Bielefeld gibt’s ja gar nicht“. Und wie respektlos ist es, einer Stadt zu sagen, dass sie nicht existiert? Da passiert aber immens viel. Ein Beispiel ist die „Hinterland of Things“-Konferenz der Founders Foundation im letzten Jahr. Seitdem werden wir, wenn wir irgendwo eingeladen werden im Start-up-Umfeld nicht mehr danach gefragt, was Bielefeld denn eigentlich ist (lacht). 

Wir haben über den Purpose von Unternehmen gesprochen, über Kultur und Kreativität und auch über Internationalität. Wo soll es für Ihr Unternehmen, Ihre Organisation hingehen in den kommenden Jahren – und wo sehen Sie Bielefeld?

Stühmeyer: Die Digitalisierung spielt uns durchaus in die Hände, wir können von Bielefeld aus die ganze Welt bespielen. Das ist kein Problem mehr. Wir kommunizieren und vernetzen uns, es sind nicht mehr ganz so viele Reisen notwendig wie früher. Damit sind wir auch weiterhin attraktiv für junge Menschen. 

Gross: Unser Antrieb ist es, zu gestalten. Der große Vorteil, der aus der Arbeit und dem Wirken der Founders Foundation entsteht, ist, dass bei uns die Unternehmer von morgen gleich mit dem entsprechenden und richtigen Mindset und Verantwortungsbewusstsein ausgebildet und an den Start gebracht werden. Bielefeld, der Mittelstand hier vor Ort und das Ecosystem was wir aufgebaut haben, bieten dafür den perfekten Nährboden. Im Gegensatz zu anderen haben wir Hochkonjunktur, weil Krisenzeiten bisher immer auch eine Gründerzeit beinhaltet haben. Nach der Finanzkrise 2008/2009 sind die am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland entstanden.

Dr. Schühle: Für uns ist Bielefeld gesetzt als Standort, wir produzieren mehrheitlich in Ostwestfalen. Das wird auch so bleiben. Wir versuchen eher in den Absatzmärkten etwas zu verändern, wollen uns zum Beispiel nach Südeuropa ausweiten. Und wir versuchen, das Unternehmen technologisch breiter aufzustellen, in dem wir neue Geschäftsbereiche öffnen. 

Heicks: Das „gestalten und gestaltet werden“ von Herrn Gross möchte ich aufgreifen, diese Balance ist auch für ein Theater interessant. Wir möchten uns weiter vernetzen, als ein geistiges Zentrum dieser Stadt dienen, aber auch den dauernden Austausch in alle Richtungen fördern.

Drabon: Das Theater und wir sind uns erstaunlich ähnlich, habe ich das Gefühl. Auch wir sind ständig auf der Suche nach Neuem. Digitalisierung heißt für uns auch Verbindungen schaffen. Interessant finde ich, was die Veränderungen durch Corona für die Arbeit bedeuten. Wie wird unsere Unternehmensstruktur aussehen, wieviel Präsenz im Büro, wieviel Remote arbeiten brauchen – oder wünschen – wir uns in Zukunft, was heißt das für die Kollegen, was heißt das für die Stadt, solche Fragen eben. Außerdem, und nun nochmal zurück zum Austausch und zum Theater: Ist es nicht total interessant, mehr Leute aus verschiedenen Professionen zusammenzubringen? Was passiert denn mit einem Projekt, wenn wir mal Leute vom Theater dazwischensetzen?

Böllhoff: Was uns immer geholfen hat, und da machen wir keinen Unterschied: Wir müssen immer vom Kunden aus denken, zu seinem Nutzen. Momentan erzielen wir 60 Prozent unseres Umsatzes als Autozulieferer, und die Branche verändert sich stark. Wir müssen den neuen Anforderungen der Elektromobilität gerecht werden – oder anderer Antriebsformen – und da sind wir auch schon stark dabei. Wir liefern zum Beispiel Produkte für alle Tesla-Modelle. Um weiter so stark zu sein, müssen wir wie alle hier am Tisch auf das Neue setzen. Und als Think Tank für Innovation eignet sich der Standort hier in Bielefeld besonders gut.

Interview: Marc-Stefan Andres, Brigitte Meier
Fotos: Susanne Freitag

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