19. September 2022
Facharztagentur und ruf Jugendreisen setzen auf Ökoprofit

Umwelt- und Ressourcenschutz im Blick

Green Stories

Große Erfolge, zumindest die nachhaltigen, entstehen nicht über Nacht. Denn Erfolg ist in aller Regel nicht das Ergebnis eines großen Sprungs, sondern die Summe vieler kleiner Schritte. Das trifft auch für Wirtschaftsunternehmen zu, die ihren Ressourcenverbrauch reduzieren oder Abfälle vermeiden wollen. Mit dem Ziel, die Umwelt zu entlasten und gleichzeitig Kosten zu senken.

Genau diese Verbindung von ökologischem Nutzen und ökonomischem Gewinn verfolgt auch das Projekt Ökoprofit. Mehr als 140 Betriebe aus der Regiopolregion Bielefeld wurden bereits mit dem Projekt geschult. An der aktuellen Ökoprofit Runde 2022/23 beteiligt sich auch die Bielefelder Facharztagentur (FAA). Ein anderes Bielefelder Unternehmen, ruf Jugendreisen, hat das Förderprogramm für Umwelt- und Ressourcenschutz bereits erfolgreich durchlaufen. Es peilt im Herbst 2022 die Rezertifizierung an. 

Ökoprofit gibt insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, praxisorientiert ein Umweltmanagementsystem einzuführen, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Vor mehr als 20 Jahren startete die Stadt Bielefeld mit den Vorbereitungen für das ökologische Projekt, 2002 wurden die ersten Unternehmen in Sachen Umweltmanagement geschult. Das Programm erstreckt sich über ein Jahr. In dem Rahmen nehmen die beteiligten Unternehmen an acht Workshops teil und ein/e Ökoprofit-Berater*in kommt für fünf Beratungstermine ins Haus. Denn allein der Blick von außen kann, wenn es um betriebliche Abläufe geht, schon hilfreich sein. Mithilfe des „CheckN“, dem Nachhaltigkeitskompass, wird schließlich der Stand der betrieblichen Nachhaltigkeit bewertet. Grundlage dafür bilden die von den Vereinten Nationen formulierten 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals). Der „CheckN“, der für alle Ökoprofit-Betriebe kostenfrei ist, ist letztlich aber auch eine Strategieberatung im Themenfeld Nachhaltigkeit. Denn im Rahmen einer Wesentlichkeitsanalyse wird die Relevanz der einzelnen Ziele erarbeitet und bewertet. Gemeinsam werden die Handlungsfelder der 17 Ziele beleuchtet und Verbesserungspotentiale identifiziert. 

Wir haben das Thema mit dem Nachhaltigkeitsdreieck vor Augen neu aufgerollt.

Burkhard Schmidt-Schönefeldt, Geschäftsführer ruf Jugendreisen

Der Status quo auf dem Prüfstand

ruf Jugendreisen hat diese Schritte bereits mit der Zertifizierung im Mai 2021 erfolgreich absolviert. „Wir haben uns 2018/19 entschieden, in das Thema Nachhaltigkeit mit Ökoprofit einzusteigen“, erklärt Geschäftsführer Burkhard Schmidt-Schönefeldt. Die Frage nach dem Warum, ist für ihn eine Grundsätzliche. Denn Nachhaltigkeit steht schon seit Gründung des Unternehmens vor nunmehr 40 Jahren auf der Agenda. „Das erklärt sich aus unserer Historie. Umweltschutz und Soziales wurden uns quasi in die Wiege gelegt“, so Burkhard Schmidt-Schönefeldt. Denn „ruf“ – die Abkürzung steht für Reisen und Freizeit mit jungen Leuten e.V. – wurde 1981 zunächst als Verein von Pädagogik-Studierenden gegründet. In einer Zeit als u. a. das Waldsterben im Fokus stand. „Die Zeit, als Fridays for Future aufkam, hat uns dann noch einmal vor Augen geführt, dass es an ganz vielen Stellen großen Bedarf gibt, das Thema Nachhaltigkeit nachhaltig zu verbessern.“ Und so stellte ruf am Standort Bielefeld seinen Status quo u. a. in Sachen Wasserversorgung, Energie, Mobilität, aber auch Materialeinkauf auf den Prüfstand. „Durch Ökoprofit hatten wir eine gute Hilfestellung. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass es viele Dinge gibt, die wir in die richtige Spur bringen wollten“, stellt Burkhard Schmidt-Schönefeldt noch im Nachhinein fest. Ökoprofit war für ruf Jugendreisen Leitfaden und Orientierung zugleich. Gleichzeitig stieß das Unternehmen auf weitere Themen. „Bei uns war das zum Beispiel der Materialeinkauf für die Reiseziele – von Zelten über Animationsmaterial bis hin zur Küchenutensilien. Da hatten sich Selbstverständlichkeiten eingeschlichen. Wir haben das Thema mit dem Nachhaltigkeitsdreieck vor Augen neu aufgerollt“, erklärt der Geschäftsführer. Dass Nachhaltigkeit nicht zwingend mehr Geld kosten muss, ist eine weitere Erfahrung, die das Unternehmen durch Ökoprofit machte. „Nachhaltiger und letztendlich kostengünstiger ist nicht unbedingt das günstigste Zelt. Ein deutlich teureres Zelt kann man länger nutzen“, so Burkhard Schmidt-Schönefeldt. „Es ist der andere Denkansatz, der auch dazu führt, anders zu handeln.“

Auch beim Employer Branding wird das Thema zunehmend wichtiger, das erleben wir im Bewerbungsprozess.

Maike Schnabel

Mitarbeitende als Multiplikatoren

Gerade auf den Weg gemacht hat sich die Facharztagentur. Die Motivation, sich an dem Projekt Ökoprofit zu beteiligen, ist auch für das Bielefelder Unternehmen vielschichtig. „Von unserer Seite besteht generell ein großes Interesse am Thema Nachhaltigkeit, auch privat“, unterstreichen Maike Schnabel und Jannis Schröder von der Geschäftsführung. „Ökoprofit nutzen wir, um professionelle Unterstützung zu bekommen.“ Ein achtköpfiges Kernteam aus verschiedenen Abteilungen, dass sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, möchte für das Thema sensibilisieren, alle Mitarbeitenden mitnehmen, aber auch Ideen und Ressourcen aus den eigenen Reihen nutzen. „Wir verstehen uns als Multiplikator für unsere Kolleg*innen. Es geht darum, Schnittstellen mitzudenken, Tandems zu bilden und mehr miteinander zu kommunizieren“, so Jannis Schröder. Auch ruf Jugendreisen hat auf diese Art und Weise seine Mitarbeitenden mitgenommen. „Mit Unterstützung unserer Projektgruppe Nachhaltigkeit haben wir zum Beispiel Protagonisten vor Ort gesucht, die das Thema kommunizieren und auch leben. Das ist bis jetzt gut gelungen“, so der ruf Geschäftsführer. Denn für die zwei Unternehmen ist nicht nur die Frage interessant, wie man ein Unternehmen nachhaltiger gestalten und positionieren kann, sondern auch, wie man die Mitarbeitenden ins Boot holt. „Auch beim Employer Branding wird das Thema zunehmend wichtiger, das erleben wir im Bewerbungsprozess“, so Maike Schnabel. „Aber es gibt natürlich auch eine betriebswirtschaftliche Komponente. Es geht u. a. darum, den Energieverbrauch und damit Kosten zu reduzieren.“ Gleichzeitig fühlt die FAA eine gesellschaftliche und soziale Verantwortung. „Sowohl lokal für die Region als auch global, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen“, betont Jannis Schröder. „Jedes Unternehmen kann dazu etwas beitragen, denn es geht bei den Einsparungen um den Erhalt des Planeten.“

Jedes Unternehmen kann dazu etwas beitragen, denn es geht bei den Einsparungen um den Erhalt des Planeten

Jannis Schröder

Ökologische Maßnahmen und ökonomische Kennzahlen

Dafür dreht die FAA an vielen kleinen Stellschrauben. „Zusammen wird daraus etwas Großes“, ist Jannis Schröder überzeugt. Denn fernab vom Thema „Energie sparen oder umstellen“ gibt es zahlreiche Ansätze. „Vom nachhaltigen Einkauf von Büromaterial, dem Nutzen von LEDs und intelligenter Heizungsregelung bis hin zu Themen wie E-Mobilität, Rad und ÖPNV als nachhaltige Alternativen – es ist immer Luft nach oben!“, stellt Maike Schnabel fest und fügt hinzu: „Dafür ist es wichtig, Input von außen zu bekommen, um zu sehen, was man konkret machen kann.“ „Die Workshops haben uns geholfen, die unternehmenseigenen Standards zu überdenken“, steuert Burkhard Schmidt-Schönefeldt seine Erfahrungen bei. „Sie zwingen zum Nachdenken und zum Denken in Kennzahlen und zwar dahingehend, wie sich der CO2-Ausstoß durch ökologische Maßnahmen verändert.“ Gleichzeitig decke die Kalkulation auch auf, was man tatsächlich an Geld spare. Als touristisches Unternehmen fällt bei ruf Jugendreisen beispielsweise der CO2-Ausstoß durch die An- und Abreise stark ins Gewicht. Das Touristikunternehmen, das Busse mietet, bewegt bundesweit zwischen 40.000 und 50.000 Gäste pro Jahr und Saison. Allein in NRW starten in der Saison pro Tag allein bis zu 20 Busse. „Der hohe Busanteil ist im Vergleich zum Fliegen eigentlich schon sehr klimafreundlich, aber durch Ökoprofit schaut man sich den Anteil beider Reiseformen an und lässt dieses Wissen als Komponente bei der Produktentwicklung einfließen“, macht Burkhard Schmidt-Schönefeldt deutlich. Darüber hinaus hat das Unternehmen die An- und Abreise über die Kompensation verschiedener Projekte klimaneutral gestellt. „Den Klima-Invest haben wir in den Workshops herausgearbeitet. Sie waren eine interessante Learning-Plattform“, lautet sein Resümee. Ähnlich sieht dies die FAA. „Die Workshops liefern Impulse und Ideen, man kann sich untereinander vernetzen, austauschen und profitiert nicht zuletzt von ganz konkreten Tipps. Beispielsweise auch, welches Kopierpapier nachhaltiger ist“, so Maike Schnabel. Sowohl für die FAA als auch für ruf Jugendreisen ist und war es spannend, mit welchen Herausforderungen andere Unternehmen, die aus ganz unterschiedlichen Branchen kommen, kämpfen.

Ökoprofit strukturiert Prozesse

„Durch Ökoprofit kamen unfassbar viele Themen auf den Tisch, aber man wird strukturiert durch den Prozess geleitet und Out of the Box beraten“, bilanziert Burkhard Schmidt-Schönefeldt im Rückblick. In der Folge stellte das Unternehmen auf Ökostrom um und trieb die Digitalisierung weiter voran. „Da waren wir mit einem nahezu papierlosen Büro schon sehr weit. Aber in der Kundenkommunikation gab es noch Potenzial. Das haben wir zu einem großen Teil heben und so insgesamt unseren Papieranteil um fast 90 % reduzieren können.“ Auch Dienstreisen, die für ihn als Touristiker immer selbstverständlich waren, standen in dem Zuge auf dem Prüfstand. „Müssen die Reisen sein und wenn ja, wie kommt man dahin, waren Fragen, mit denen ich mich vorher nicht so intensiv beschäftigt habe. Da merkt man ganz deutlich, es geht bei einem selbst los!“, unterstreicht der Geschäftsführer. Sein Fazit: Durch die intensive Auseinandersetzung in strukturierter Form verfügt ruf Jugendreisen heute über messbare Ergebnisse. Die Einsparungen beim CO2-Verbrauch, aber auch die monetären Ersparnisse lassen sich über Kennzahlen messen. Die Hände in den Schoß legt das Unternehmen deshalb noch lange nicht. „Was wir noch nicht in Gänze angefasst haben, sind unsere ausländischen Leistungsträger*innen wie die Hoteliers oder Campingplatzbetreiber*innen. Da müssen wir jetzt am Ball bleiben, das ist ein dickes Brett, was wir zu bohren haben“, macht er deutlich.

Auch die FAA, die zudem die IHK Selbstverpflichtung unterzeichnet hat und sich damit freiwillig verpflichtet bis 2030 im Unternehmen Klimaneutralität zu gewährleisten, füllt bis zur Zertifizierung im Mai 2023 das Thema Nachhaltigkeit weiter mit Leben. „Durch die Pandemie haben wir unsere Mitarbeitenden ins Homeoffice geschickt. Jetzt haben wir es ihnen freigestellt, wann sie wo arbeiten. Denn auch mit der flexiblen Arbeitsplatzwahl ist das Thema Nachhaltigkeit eng verknüpft. Eine Arbeitswelt zu schaffen, die dies berücksichtigt, ist ein Stückweit nachhaltiger“, betont Maike Schnabel.

Ökoprofit weltweit

Die Idee stammt ursprünglich aus Österreich, genauer gesagt aus Graz. Hier haben sich bereits in den 1990er-Jahren kluge Köpfe des Umweltamtes und der TU zusammengesetzt und praxisnahe Ansätze entwickelt, die auf Modulen des klassischen Umweltmanagements basieren. Ökoprofit gibt es weltweit, z. B. in Städten und Regionen in Italien, Slowenien, Indien, Kolumbien, Korea, China, in Nicaragua und auf den Philippinen.

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