1. Februar 2021
Buchtipp: Jenseits von Corona

Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft

Stories

Von: Bernd Kortmann, Günther G. Schulze

Wir leben seit einem Jahr in Koexistenz mit dem Corona-Virus. Glücklicherweise stehen inzwischen Impfstoffe beim Kampf gegen Covid-19 zur Verfügung. Wie tückisch das Virus ist, beweisen allerdings die jüngsten Mutationen. Die traurige bisherige Bilanz: Weltweit haben sich über 97 Millionen Menschen infiziert, über 2 Millionen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben. Allein 275.700 bestätigte Fälle sowie 52.087 Todesfälle gibt es in Deutschland (Stand 25.1.2021). Mit „Jenseits von Corona – Unsere Welt nach der Pandemie“, erschienen im September letzten Jahres im Bielefelder transcript Verlag, haben Bernd Kortmann und Günther Schulze gemeinsam mit 32 anderen Wissenschaftler*innen eine Zeitdiagnose vorgelegt. Sie stoßen zu einem Denken „für und wider die Zeit“ an.

Ja, die Corona-Pandemie hat unser aller Leben einschneidend verändert. „Aber es ist höchst wahrscheinlich, dass diese Krise ihr Ende finden wird – dafür sprechen die historischen Erfahrungen die vielfältigen Anstrengungen auf der Suche nach Impfstoffen und Medikamenten“, prognostizieren die zwei Direktoren des Freiburg Institute for Advanced Studies Bernd Kortmann und Günther Schulze in ihrem Vorwort. Ihr Buch, in dem Wissenschaftlicher aus unterschiedlichen Bereichen wie Wirtschaft, Medizin, Politik oder Jura zu Wort kommen, ist ein Anstoß nicht nur in den Befindlichkeiten des Hier und Jetzt zu verweilen. Anspruch der Autoren ist es vielmehr, den Blick nach vorn zu richten, um zu erahnen, in welcher Welt wir leben werden, wenn wir diese Krise durchlebt haben. Dabei geht es ihnen nicht um konkrete Prognosen – zumal alle Beiträge vor dem Hintergrund der Erfahrungen bis Juli 2020 geschrieben wurden –, sondern um die Analyse von Entwicklungslinien. Da das Virus uns tief in allen Lebensbereichen getroffen hat und trifft, kann keine einzelne Disziplin ein ganzes Bild von der Welt jenseits von Corona zeichnen. Soviel steht fest. Und so spannen die Wissenschaftler*innen in ihren Kurzbeiträgen einen großen Bogen. Ein buntes Kaleidoskop, das den Virus in den Fokus stellt und in insgesamt sieben Themenfeldern die Auswirkungen auf Familie, Arbeit, Schule, Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft beleuchtet.

Der Alltag mit und nach Corona markiert das erste Themenfeld. Unter der Überschrift „Abschied vom Handschlag“ betrachtet Carl Eduard Scheidt in seinem Kurzbeitrag, warum der Handschlag nicht nur eine kulturell eingeübte Geste der friedensstiftenden Begrüßung ist. Dabei geht er der Frage auf den Grund, weshalb dieser unter hygienischen Gesichtspunkten natürlich abzulehnen und damit bald zu einem archaischen Relikt der Vor-Pandemie-Zeit werden, gleichzeitig aus sozialen Gründen doch seine Berechtigung haben könnte.

Unter „Das Virus im Fokus“ finden sich wiederum Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Thema beschäftigen. Mit „Corona-Impfstoffen zwischen geostrategischem Instrument und globalem öffentlichen Gut“ setzt sich Shalini Randeria auseinander und kommt zu dem Schluss: „Neben der Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffes, zu dem weltweit ein gerechter Zugang gewährleistet sein muss, könnte sich letztendlich auch die öffentliche Akzeptanz und das Vertrauen in eine Impfung gegen Covid-19 als entscheidend dafür herausstellten, wie wir in Zukunft mit dem Virus leben werden.“ Ein ganz persönliches Resümee zieht wiederum Bettina Pfleiderer in ihrem Kurzbeitrag „Aufbruch zu neuen Wegen im Gesundheitswesen“. Um die Welt nach Corona so zu gestalten, dass sie nachhaltig so umstrukturiert werden kann, dass die Möglichkeiten, die ein Aufbruch bietet, auch positiv genutzt werden, ist es aus ihrer Sicht entscheidend, sich von Gewohntem zu trennen. Für die Medizinerin steht fest, künftig eine aktive Rolle bei den nötigen Veränderungsprozessen im Gesundheitssystem einzunehmen und Diskussionen mitzuführen.

Wie die (Nach-)Corona-Gesellschaft aussehen könnte, beschäftigt unter anderem auch Marina und Herfried Münkler. „Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht für alle gleich sind, weil sie verschiedene Personengruppen in unterschiedlicher Weise treffen“, leiten sie ihre Überlegungen ein. Fest steht für sie: Corona hat die Ärmeren sehr viel härter getroffen als die Reicheren, die Alten sehr viel härter als die Jungen, die prekär Beschäftigten sehr viel härter als die Festangestellten. Gleichzeitig ist der bereits geführte Diskurs über diese Unterschiede ein zentrales Element der gesellschaftlichen Reflexion. Auch diese Reflexion zeichnet Krisen aus. Schwächen und Lücken kommen zutage. „Das ist produktiv, wenn daraus gelernt wird“, resümieren die Autorin und der Autor. Denn neben der kurzfristigen Krisenbearbeitung ist dies das wichtigste Element einer längerfristig angelegten Krisenbewältigung. Unter den Stichworten „Religion – Kirche – Philosophie“ steht ein weiteres Kapitel des Buches. Gert Scobel stellt unter der Headline „Die Corona-Krise als philosophisches Ereignis“ sieben Thesen auf und sagt: „Besser kann die Zukunft, die kommt, nur dann werden, wenn sie nicht nur beherzt neu erfunden, sondern auch klüger und gerechter gestaltet wird.“ Dabei reichen seine Ausführungen von der „Post-Corona-Zeit als ein Geschichtszeichen“ über „Die unerwartete Kopplung von Digitalisierungsprozessen mit analogen Entwicklungen“ bis hin zur „Systemischen Kopplung von Corona-Fiktion und Corona-Fakten“. Und resümiert: „Es wird in Zukunft nötig sein, die Rückkopplung zwischen Fiktion und Wirklichkeit sorgfältiger zu untersuchen als bisher. Das wird ohne die intensive Einbeziehung von Philosophinnen und Geisteswissenschaftlerinnen in die interdisziplinäre Forschung nicht gelingen: gerade weil die Chance genutzt werden sollte, die Zukunft weiser zu gestalten.“

Um die Themenbereiche „Wissenschaft, Erkenntnis und ihre Kommunikation“ sowie „Die Weltordnung nach der Corona“ drehen sich weitere Kurzbeiträge. Dabei setzen sich die Autorinnen unter anderem mit „Verschwörungstheorien“, „Hybriden Formaten im Wissenschaftsbetrieb“, „Corona im Weltmaßstab“ und der „Internationalen Ordnung nach Corona“ auseinander. Insgesamt machen die Wissenschaftlerinnen um Kortmann und Schulze deutlich, dass die Bewältigung der Krise besser gelingt, wenn wir vorausschauend, wissenschaftsbasiert, rational und unaufgeregt handeln. Kortmann und Schulze sind optimistisch, dass diese Einstellung und Haltung helfen wird bei der Bewältigung der Probleme, die vor uns liegen.


Der Bielefelder transcript Verlag

Transcript, gegründet in den späten 1990er Jahren, zählt zu den führenden wissenschaftlichen Fachverlagen im deutschsprachigen Raum. Mit seinem Programm fokussiert sich der Bielefelder Verlag auf die Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaften und legt Schwerpunkte in den Bereichen Geschichte, Philosophie und Kulturmanagement. Eine anspruchsvolle Zeitdiagnose zu leisten, ist Anspruch der Reihe x-Texte zu Kultur und Gesellschaft. „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe“ sowie „Gemeinsam für die Zukunft – Fridays For Future und Scientists For Future“, die gerade im Januar 2021 aufgelegt wurden, stehen ebenso für diese Reihe wie das im September 2020 erschienene Buch „Jenseits von Corona – Unsere Welt nach der Pandemie“. Ziel der Essays ist es, unsere Gegenwart jenseits vereinfachender Formeln und Orakel zu entschlüsseln. Dadurch entsteht verpackt in ein Buch ein Forum, das ein Denken „für und wider die Zeit“ möglich macht.
Mit über 100 Editionen mit jährlich rund 400 Neuerscheinungen in deutscher und englischer Sprache sowie einer Backlist von über 4.000 Titeln – in print und digital – pflegt der transcript Verlag sein Portfolio. Es reicht von Architektur und Design, Gender und Queer Studies über Politikwissenschaft bis hin zu Zeitdiagnosen. Unter dem Slogan „Wir geben Wissenschaft Reichweite“ vereinen die unterschiedlichen Reihen innovative Wissenschaft im internationalen Raum mit aktuellen Beiträgen zu Forschungsdebatten in und zwischen den Disziplinen.

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