17. Juni 2021
16. virtuelles DKAB-Partnertreffen

Berufsorientierung, Ausbildung und Azubi-Netzwerk

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DKAB Stories

Die Ausbildungssituation in Bielefeld und die Gründung eines DKAB-Azubi-Netzwerkes standen im Fokus des 16. virtuellen DKAB-Partnertreffens. Die große Anzahl der Teilnehmenden spiegelte dabei, wie relevant das Thema Recruiting von Auszubildenden für Unternehmen ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Aufbau eines Ausbildungsnetzwerkes bei der DKAB-Community auf reges Interesse stößt. „Die berufliche Orientierung von Jugendlichen war, ist und wird auch für uns ein wichtiges Thema bleiben. Sie ist der erste wichtigste Schritt, um das Interesse an der beruflichen dualen Ausbildung zu wecken“, betonte WEGE-Prokuristin Brigitte Meier. Auf die besonderen Herausforderungen und Problemstellungen, aber auch die Unterstützungsmöglichkeiten zur Ausbildungslage in Bielefeld – gerade in Corona-Zeiten – ging Claudia Hilse von der REGE mbH, Leitung Kommunale Koordinierung, dann ein. Sie informierte über die aktuelle Situation des Ausbildungsmarktes in Bielefeld und stellte Ausbildung fördernde Maßnahmen vor.

„Kein Abschluss ohne Anschluss“ – den Übergang Beruf Schule nahtlos zu gestalten, ist ein Ziel, an dem sich zahlreiche Akteure in NRW seit Jahren beteiligen. „Doch aktuell ist die Situation nicht ganz einfach, Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, eine berufliche Orientierung zu ermöglichen und damit auch einen Anschluss zu eröffnen“, erklärt Claudia Hilse, die für die Stadt neben existierenden Formaten ergänzende Angebote zur beruflichen Orientierung entwickelt, die Ausbildung in Unternehmen unterstützt und zur Verbesserung des Übergangs Schule – Beruf mit zahlreichen Akteuren in einem engen Netzwerk arbeitet. „Corona-bedingt sind viele Berufsorientierungsangebote und Praktika ausgefallen.

2020 konnten 60 Prozent, in diesem Jahr wird ein Rückgang um 70 Prozent befürchtet.“ Problematisch ist dies zum einen für Schüler*innen, die noch nie Unternehmensluft geschnuppert haben. Denn der Jahrgang, der im Sommer die Schule verlässt, ist bereits im zweiten Schuljahr von der Pandemie betroffen. Fest steht für Claudia Hilse: Ausgefallene oder nicht angebotene Praktikumsplätze führen zu geringeren Anknüpfungspunkten an Betriebe und die duale und schulische Ausbildung. Auch können rein digitale Angebote persönliche Gespräche gerade mit jüngeren Schulabgänger*innen nur teilweise ersetzen. „Manche Jugendlichen verschwinden einfach vom Radar, sie melden sich trotz vorhandenen Ausbildungsinteresses nicht bei der Berufsberatung oder Ausbildungsvermittlung“, bringt sie die Problematik auf den Punkt. Erschwerend komme hinzu, dass der fehlende Präsenzunterricht in den vergangenen Monaten insbesondere bei den Abschlussjahrgängen zu Defiziten in Fächern wie Mathematik oder Deutsch geführt hat. Gleichzeitig sei durch ausgefallene Auslandsjahre und rein digitale Studienangebote ein stärkerer Druck auf das duale Ausbildungssystem durch Abiturient*innen zu spüren. „Durch Corona gab es einen Rückgang an Ausbildungsplätzen, doch die Bielefelder Wirtschaft ist dabei Stellen aufzubauen“, so Claudia Hilse mit Blick auf die Anzahl der Bewerber*Innen auf Ausbildungsstellen bei der Berufsberatung Bielefeld und der Agentur für Arbeit.

Wie sich die Lage verändert hat, zeigt auch das sinkende Interesse von Schulabgänger*innen an einer dualen Ausbildung. „Waren es sonst immer ein gutes Viertel, im Schuljahr 2019 von rund 4.000 gut 1.000, die sich bei der Berufsberatung als Bewerber*innen gemeldet haben, waren es im Mai 2021 bislang nur 700“, betont Claudia Hilse, die der DKAB-Community daher praxisnahe Vorschläge mitgebracht hatte, welche Instrumente Unternehmen nutzen können, um die Nachwuchsgewinnung trotz Pandemie voranzutreiben. „Es gibt eine ganze Reihe einfacher Instrumente, die Sie vielleicht schon nutzen oder aber mit nur wenig Ressource umsetzen können“, erklärt Claudia Hilse mit Blick auf etablierte Formate wie den Girls Day oder Boys Day oder Gib mir 5, Azubi Speeddating und expoMINT, die von den Kammern, der Jugendberufsagentur und andere Akteure organisiert werden. Alternativ könnten Auszubildenden selbst ihre Berufe künftigen Azubis online auf der Unternehmens-Homepage vorstellen. „Auch selbst aktiv auf eine Schule zuzugehen und sich an der Partnerschaft Schule Wirtschaft zu beteiligen, kann ein Weg sein“, skizziert Claudia Hilse die unterschiedlichen Möglichkeiten für Unternehmen. Denn: Erfolgreiches Recruiting basiert auf einem aufbauenden System, das Schüler*innen und Unternehmen immer wieder in Kontakt bringt.

Über Praxiserfahrungen im Betrieb, zum Beispiel in Form von Berufsfelderkundungen oder Praktika, können Unternehmen auf sich oder spezifische Berufsfelder aufmerksam machen. „Viele Bielefelder Betriebe wie die Möller Group oder Kind Hörgeräte haben Praktika trotz Covid 19 durchgeführt, häufig in Kooperation mit Schulen“, so Claudia Hilse mit Blick auf positive Beispiele und regt dazu an, Plätze für die Berufsfelderkundung oder das Praktikum der Kommunalen Koordinierung zu melden. „Wir erstellen für Sie ein kurzes Unternehmensprofil für unsere digitale Plattform, die die Schulen nutzen.“ Um Schüler*innen zu signalisieren, dass ein Unternehmen Angebote zur Berufsorientierung anbietet, eignet sich jedoch auch die eigene Homepage. Auch die Möglichkeit in den Herbstferien 2021 oder den Osterferien 2022 ein Praktikum zu absolvieren, ermögliche Schüler*innen das Nachholen von Praxiserfahrungen. „Ein absoluter Renner, um auf spezifische Berufsfelder hinzuweisen, sei zudem das Programm „Berufliche Bildungslotsen“ der IHK und HWK. Dort berichten Auszubildende digital in Schule über ihre Berufe und ihre Erfahrungen.

Wie Bielefelder Ausbildungsbetriebe selbst digitale bzw. hybride Formate für Schüler*innen zur Berufsfelderkundung, für Betriebsbesichtigungen oder Praktika nutzen, recherchierte die REGE mbH über eine Befragung im März dieses Jahres. 98 % der 120 Ausbildungsbetriebe gaben an, keine digitalen Angebote umzusetzen, 24 % hielten nur Präsenzpraktika für realistisch. 14 % hatten Interesse daran, mehr Informationen zu digitalen Strategien zu erhalten. „Die erstmalige Planung und Durchführung digitaler Berufsorientierung erfordert zeitliche Ressourcen, danach reduziert sich der Aufwand deutlich“, so das Fazit von Claudia Hilse, die Unternehmen bei der erstmaligen Durchführung unterstützt. Der gemeinsam mit SCHÜCO, dem Ev. Krankenhaus und Miele durchgeführte Unternehmensworkshop „#einfach digital erfolgreiche Berufsorientierung“ verdeutlichte dabei unterschiedliche Ansätze digitaler und hybrider Berufsorientierung. „Die Rückmeldungen aus den Unternehmen sind interessant und zeigen, dass digitale Praxiserfahrungen die Praktikumspraxis für die Zukunft durchaus positiv verändern können, vor allem lassen sich die eigenen Auszubildenden sehr gut einbinden.“ Und das die Resonanz auf den Workshop mit 40 Anmeldungen deutlich höher ausfiel als erwartet, soll das Workshop-Angebot auch für andere Unternehmen und Branchen fortgesetzt werden.

Darüber hinaus gibt es auch diverse Fördermöglichkeiten, die Unternehmen in Sachen Recruiting nutzen können. Unterstützung bieten Programme wie. AsA flex (ehemals AbH), um Defizite insbesondere im Bereich Mathematik, Englisch und Deutsch auszugleichen, die Einstiegsqualifizierung, das Landesprogramm „Ausbildungsprogramm NRW“ oder das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern!“. Im Kontext der Pandemie hat die REGE mbH unter dem Motto „Deine Stadt, deine Zukunft, deine Chance“ im Rahmen der REACT Förderung einen Antrag für ein Modellprojekt gestellt, um ab Sommer 2021 Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Angebote zur Berufsorientierung zu unterstützen, eine digitale und hybride „Bielefelder Nacht der Berufe“ zu konzipieren und zu erproben sowie gemeinsam mit Auszubildenden in Schulen für das Berufsfeld Pflege zu werben. „Das Potpourri an Angeboten muss man im Detail prüfen und auf die eigenen Möglichkeiten runterbrechen“, resümiert Brigitte Meier.

Neues Azubi-Netzwerk von „Das kommt aus Bielefeld“

Genau diesen Ansatz verfolgt die WEGE mit der Einführung eines DKAB-Azubi-Netzwerkes. Zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Partnerunternehmen sollen Azubis den Mehrwert des Netzwerkens im DKAB-Netzwerk erleben. Ulrike Meier, verantwortlich für das Standortmarketing der WEGE mbH, stellte die Idee hinter dem Azubi-Netzwerk vor. „Unsere Videoclip-Reihe ‚Von Azubis für Azubis’, die auf den Social Media Kanälen große Reichweite erzielt, hat uns auf die Idee gebracht, den Auszubildenden mit einem DKAB-Azubi-Netzwerk den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen und sie so schon früh in die Welt des Netzwerkens einzuführenDenn schon bei diesem Format haben wir gesehen, wieviel Potential und Kreativität in den jüngsten Mitarbeitenden unserer Partnerunternehmen steckt.“

Geplant sind monatliche Treffen, bei denen unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte – von der Persönlichkeitsentwicklung über die Vermittlung von Wissen zum Wirtschaftsstandort Bielefeld bis hin zu Kampagnenentwicklungen unter der Überschrift „Ich hab meine Ausbildung aus Bielefeld“ – im Mittelpunkt stehen. Auch gezielte Fähigkeiten wie z.B. der Ausbau von Social Media-Kompetenzen oder der Direkt-Kontakt zu Bielefelder Unternehmer*innen sollen gefördert werden. Die Treffen sollen sowohl digital als auch bei einzelnen Unternehmen stattfinden. „Im Idealfall werden die Unternehmensbesuche auch schon von den Auszubildenden selbst geplant. Auf diese Art können sie eigenständig die Anforderungen des Projekt- und Veranstaltungsmanagements erlernen.“

„Das neue Netzwerk-Format kommt offenbar gut an“, freut sich Ulrike Meier, „schon vor der Auftakt-Veranstaltung gab es 23 interessierte Unternehmen und 63 angemeldete Auszubildende.“ Die Teilnahme am Azubi-Netzwerk kann unabhängig vom Ausbildungsjahr und -beruf erfolgen. Am Ende eines Ausbildungsjahres erhalten die Azubis, die mindestens fünf von geplanten zehn Veranstaltungen besucht haben, ein Zertifikat. Dieses bestätigt die gewonnenen Erkenntnisse und kann bei weiteren Bewerbungen als Referenz hinzugefügt werden.

Das erste Kick-Off-Treffen des Azubi-Netzwerks soll, darüber stimmten die Teilnehmenden des 16. virtuellen Partnertreffens noch während der Veranstaltung ab, bereits Ende August stattfinden. Auch zahlreiche Ideen, wie das neue Format der WEGE mit Leben gefüllt werden kann, gab es bereits von allen Seiten. Viele Unternehmen möchten sich selbst aktiv einbringen und stellen ihre Expertise zur Verfügung. „Sie und wir alle sind Netzwerker*innen“, so Brigitte Meier. „Es ist großartig, dass schon so viele Anknüpfungspunkte und Anregungen geäußert wurden. Auf jeden Fall freuen wir uns auf das Netzwerk der Jüngeren.“

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