1. März 2021
Natürlich achtsam

Bielefelder Unternehmen schaffen Lebensraum für Insekten

DKAB Storys

Ohne Insekten überlebt die Menschheit nicht. Eine Übertreibung? Nein! Sie gehören zur artenreichsten Klasse unter den Tieren, sind für viele andere Tiere Nahrungsgrundlage, zählen zu den wichtigsten Pflanzenbestäubern, spielen eine wichtige Rolle bei der Verwertung organischer Stoffe und regulieren als wichtige Nützlinge unser Ökosystem. Doch ihr Bestand ist in den letzten 40 Jahren dramatisch zurückgegangen. Bei Wildbienen sind heute deutschlandweit beispielsweise mehr als die Hälfte in ihrem Bestand bedroht. Ein steiler Sinkflug, dem auch einige Bielefelder Unternehmen tatkräftig und ideenreich entgegenwirken wollen. Sie investieren unter anderem in Bienenvölker und insektenfreundliche Wiesen.

Edward Wilson, ein renommierter amerikanischer Entomologe, hat errechnet, dass die Menschen ohne Insekten nur wenige Monate überleben könnten. Doch Zahl und Vielfalt der Insekten sinken dramatisch: Über 40 Prozent der Arten sind im Bestand gefährdet und 5 Prozent ausgestorben. In manchen Gebieten des deutschsprachigen Raums ist ihre Anzahl um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Es ist höchste Zeit, Insekten zu respektieren, zu handeln und umzudenken!

Ein Unternehmen, das genau dies tut, ist die Ceyoniq Technology GmbH. Der Bielefelder Softwarehersteller bietet digitale Lösungen für intelligentes Dokumenten- und Informationsmanagement an. Ceyoniq leistet einen Beitrag zum Umwelt- und Artenschutz und hat die Patenschaft für zwei Bienenvölker übernommen. Rund 100.000 Bienen leben auf dem Gelände der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe in direkter Nachbarschaft zum Firmensitz am Boulevard im Neuen Bahnhofsviertel.
„Mit dem Aufstocken eines zweiten Bienenvolkes im letzten Jahr an unserem Hauptsitz in Bielefeld möchten wir als Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität leisten“, sagt Oliver Kreth, Geschäftsführer der Ceyoniq Technology. „Dieses nachhaltige Projekt zum Artenschutz, das aus der Belegschaft initiiert und gemeinsam mit einer erfahrenen Imkerin betreut wird, unterstützen wir sehr gerne. Und – unser CeyHoniq ist ein echtes Bielefelder Naturprodukt“, fügt Kreth schmunzelnd hinzu. Der zentrale Standort wurde übrigens bewusst gewählt, da es auch in der Stadt vielfältige Nahrung für Bienen gibt.

Auf über 60 Gläser Honig brachten es die 80.000 fleißigen Bienen, denen die BKK GILDEMEISTER SEIDENSTICKER auf ihrem Firmengelände in der Winterstraße ein Zuhause bietet, im letzten Jahr. Und machten damit den Kindern der Diesterwegschule eine Freude. Die Patenschaft für einen Bienenstock hat Ostwestfalens größte Betriebskrankenkasse an die Grundschule in der Bielefelder Innenstadt gespendet. „Mit der Bienenpatenschaft möchten wir einerseits einen Beitrag zum Erhalt der lokalen Imkerei sowie der biologischen Vielfalt in unserer Natur leisten. Andererseits ist es für uns wichtig, Wissen weiterzugeben und auch schon die Kleinsten für dieses bedeutende Thema zu sensibilisieren“, betont die Betriebskrankenkasse. Fest steht: Die Kombination aus sozialem Engagement und Umweltschutz hat dazu geführt, dass es auf dem Firmengelände heute summt und surrt. Die beiden Bienenstöcke mit jeweils rund 80.000 Bienen, die von einem Imker aus der Region professionell betreut werden, profitieren von einer rund 600 qm großen Wildblumenwiese. Sie wurde extra direkt neben den Bienenstöcken angelegt. Hier finden nicht nur die Bienen, sondern auch zahlreiche weitere Artgenossen, wie Hummeln und andere Insekten ein großes Nahrungsangebot. „Der Honig ist ein weiterer Baustein in unserer Nachhaltigkeitsstrategie. In den letzten Jahren haben Umweltbewusstsein und lokaler Konsum immer stärker an Bedeutung gewonnen – auch für uns“, sagt Frank Jessen, Vorstand der BKK GILDEMEISTER SEIDENSTICKER. Bereits 2015 wurde die Bielefelder Betriebskrankenkasse mit dem „ÖKOPROFIT“-Siegel ausgezeichnet, da umfangreiche Maßnahmen getroffen wurden, um den Verbrauch von Ressourcen und Energie dauerhaft zu senken. „Mit den Bienenpatenschaften möchten wir zum Erhalt der lokalen Imkerei sowie der biologischen Vielfalt in unserer Natur beitragen und dieses Wissen auch weitergeben“, so Frank Jessen. Übrigens über Bielefelds Grenzen hinaus: Denn in Friedrichshafen am Bodensee, dem zweiten großen Standort der BKK GILDEMEISTER SEIDENSTICKER, hat die bundesweit geöffnete Kasse ebenfalls eine Bienenpatenschaft für zwei Stöcke übernommen. Auch in der Bodensee-Region sind 80.000 eifrige Honigsammlerinnen unterwegs.

Insect Respect. Pflanzaktion bei der Firma Halfar in Bielefeld. Zwei Bielefelder Unternehmer steigen für Insekten aufs Dach. Armin Halfar, Kathrin Stühmeyer-Halfar, Dr. Philipp Unterweger und Dr. Hans-Dietrich Reckhaus (Initiator Insect Respect).

Für ihre ökologische und soziale Pionierrolle zeichnete die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltigkeit im letzten Jahr auch zwei Bielefelder Familienunternehmen aus. Im Rahmen der Sustainability Heroes-Konferenz erhielt die Halfar System GmbH– der Taschenhersteller arbeitet am Firmensitz seit über sieben Jahren Hand in Hand mit einer integrativen Druckerei zusammen und lebt damit Inklusion – den Preis in der Kategorie „Diversität“. Die Reckhaus GmbH & Co. KG – der Biozidhersteller macht sich stark für die Insektenrettung – wurde wiederum für „Nachhaltige Innovation“ geehrt. Beide Firmen engagieren sich schon seit längerem auch gemeinsam in Sachen Nachhaltigkeit: Nach dem von Insect Respect ausgerichteten „Tag der Insekten 2018“ entstand zum Beispiel der „Runde Tisch für Artenvielfalt Bielefeld“. 2019 schufen die Unternehmer dann gemeinsam ein „Insect Respect Dach“ auf dem Firmengebäude der Halfar System GmbH. Mit Gründächern und Magerwiesen schafft Halfar seitdem neue Lebensräume für Insekten und bedrohte Arten. „Es freut mich und macht mich stolz, dass gleich zwei Firmen der Region ausgezeichnet wurden. Das zeigt die Stärke des Mittelstandes und die Bedeutung von Kooperationen im Rahmen nachhaltiger Zukunftslösungen“, so Armin Halfar, Geschäftsführer der Halfar System GmbH. „Unsere Geschichte zeigt, wie gemeinsamer Austausch zu innovativen Lösungen auf vielen ganz unterschiedlichen Ebenen der Nachhaltigkeit führt. Das motiviert uns, weiter den Weg der Transformation zu gehen und andere in der Wirtschaft mitzunehmen“, betont auch Dr. Hans-Dietrich Reckhaus. Der Geschäftsführende Gesellschafter der Reckhaus GmbH & Co. KG hat vor acht Jahren mit der Transformation seines Unternehmens begonnen: Von einem Unternehmen, das Insekten bekämpft, zu einem Unternehmen, das Insekten rettet, vom Insektizidhersteller zum nachhaltigen Dienstleister. In seinem Buch „Fliegen lassen – wie man radikal und konsequent neu wirtschaftet“, erschienen im Murmann Verlag im Herbst 2020, erzählt er, warum und wie er sein Geschäftsmodell vom Insektentöter zum Insektenretter wandelt. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie ein einzelnes Unternehmen eine ganze Branche revolutionieren kann. Und es zeigt, dass es sich lohnt, den Blick auf Wirtschaft und Natur radikal neu auszurichten.

Dass sich mit Kreativität Blickwinkel verändern lassen, weiß auch die Bielefelder Ritex GmbH. Der Spezialist für die Herstellung und den Vertrieb von Kondomen und Gleitmitteln „made in Germany“ setzt sich seit 2019 mit dem Erlös der Sommereditionen „Ohne Bienchen kein Blümchen“ oder „Bee happy“ für den Schutz von Wildbienen ein und unterstützt damit das Engagement des NABU. Dieser treibt damit die flächendeckende Umsetzung von Artenschutzmaßnahmen als auch die Öffentlichkeitsarbeit zum Schutz der Insekten, insbesondere der Wildbienen, voran. Und damit jeder einzelne aktiv werden kann, liegt den Aktions-Packungen jeweils eine Karte mit Wildblumen-Samen (Lavendel, Phazelie, Kamille, Ysop, Sonnenhut) bei. So kann sich jeder selbst eine kleine Oase für Bienen schaffen. Der NABU hat wiederum ganz konkrete praktische Tipps, wie aus einem Intensivrasen eine blütenreiche und damit insektenfreundliche Wiese wird (siehe Kastentext).

Ein gutes Beispiel dafür, wie sich auch im urbanen Umfeld ein blühendes Umfeld für Insekten realisieren lässt, ist das Bielefelder Projekt „Kistensommer – hier blüht euch was“. Für das Projekt wurden aus recyceltem Holz von Unterstützer*innen des Café Welcome Holzkisten gebaut und gestaltet, die Künstlerinitiative ART at WORK sorgte für die Vorzucht und Bepflanzung mit Insektenfutter und der FBB (Fahrräder bewegen Bielefeld e.V.) fuhr die Kisten per Lastenrad zu den Paten. Geschäfte und Institutionen in der Bielefelder Innenstadt, die die Kisten über den Sommer im öffentlichen Raum pflegten und für Aufmerksamkeit zum Thema Insektensterben warben. Das Projekt der ehrenamtlichen Vereinskooperation „Die 73a“ wurde 2020 am Weltbienentag als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt im Rahmen des Sonderwettbewerbs „Soziale Natur – Natur für alle“ ausgezeichnet. Auch in diesem Jahr geht das Projekt wieder an den Start. Kistenpat*innen für 2021 können sich unter info@art-at-work.org bewerben.

Wie wichtig es ist die Natur in unser Leben zurückzuholen, wird an vielen Stellen sichtbar. Allein in Deutschland verschwinden laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit jeden Tag 56 Hektar fruchtbarer Boden unter Asphalt und Beton. „Es braucht ein großes gesellschaftliches Umdenken, nicht nur, um das Insektensterben zu stoppen“, schlussfolgert Hans-Dietrich Reckhaus auch in seinem aktuellen Buch.

Tipp des NABU

Eine Blumenwiese im eigenen Garten

Der Weg zur Traumwiese erfordert Zeit und Geduld. Soll aus einem Intensivrasen eine insektenfreundliche Blumenwiese werden, gibt es laut NABU, dem Naturschutzbund Deutschland e.V., im Prinzip drei Optionen. Erstens: Einfach die Düngung einstellen, den Schnitt auf wenige Male im Jahr umstellen, das Schnittgut entfernen und so langsam den Nährstoffgehalt des Bodens senken. Ein solcher Umwandlungsprozess geht sehr langsam vonstattengehen. Hier hilft die zweite Stufe, nämlich die „Impfung“. Der Rasen wird punktuell entfernt und an diesen Stellen werden gezielt die gewünschten Blütenpflanzen ausgesät, beziehungsweise vorgezogene Kräuter eingepflanzt. Im Rahmen der dritten Stufe wird der Rasen im Herbst oder im zeitigen Frühjahr kräftig vertikutiert, so dass nur noch löchrige Grasstoppel übrig sind. Hier kann mit der Einsaat begonnen werden. Wer den Aufwand nicht scheut, kann auch die Grasnarbe komplett abheben und zur Nährstoffsenkung gleich zehn Zentimeter Oberboden dazu. Die Ausgangslage ist dann ähnlich wie bei einer Neuanlage im gerade bezogenen Garten.

Wer eine besonders magere Wiese mit typischen Blumen wie Nelken und Skabiosen sein Eigen nennen möchte, kann den Boden noch durch Untermischung von Sand oder feinem Kies weiter abmagern. Sinnvoll ist es in jedem Fall, kleine Wege in die Wiese zu mähen, damit man den verschiedenen Gräsern und Kräutern näherkommen kann.

www.nabu.de

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