13. Juli 2026

Zugehörigkeit ist kein Zufall

Warum Einsamkeit längst ein Thema für Unternehmen ist

„Einsamkeit ist die Form von sozialem Stress, die am verlässlichsten Alarmsysteme aktiviert“, erklärt Helene Schaefer vom BKK Dachverband. Was zunächst nach einem gesellschaftlichen oder persönlichen Problem klingt, betrifft längst auch die Arbeitswelt. Beim Fachdialog „Zugehörigkeit entsteht nicht von allein – wie Unternehmen den Unterschied machen“ – eine Veranstaltung unterschiedlicher Bielefelder Partner – zeigte die Expertin auf, welche Folgen Einsamkeit für Unternehmen hat – und warum Zugehörigkeit ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.

Fehlzeiten, sinkende Arbeitszufriedenheit, höhere Fluktuation und Schwierigkeiten bei der Fachkräftebindung: Viele Unternehmen beschäftigen sich täglich mit diesen Herausforderungen. Dass fehlende soziale Verbundenheit dabei eine wichtige Rolle spielen kann, wird jedoch häufig übersehen. Dabei zeigen aktuelle Studien, dass Einsamkeit nicht nur die Gesundheit belastet, sondern sich auch unmittelbar auf Motivation, Leistungsfähigkeit und das Betriebsklima auswirkt. Genau diese Zusammenhänge standen im Mittelpunkt des Fachdialogs, der von der Stadt Bielefeld, dem Projektteam „Koordinierungsstelle Begegnung und Zusammenhalt“ im Büro für Sozialplanung sowie dem AWO Kreisverband Bielefeld e. V. organisiert wurde. Als Kooperationspartner unterstützt von der WEGE mbH und DAS KOMMT AUS BIELEFELD. Das gemeinsame Ziel: Das Thema Einsamkeit im Arbeitskontext stärker ins Bewusstsein zu rücken und Impulse für eine Unternehmenskultur zu geben, die Zugehörigkeit und soziale Verbundenheit fördert.

Dort, wo Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft erleben, entstehen Vertrauen, Engagement und am Ende auch Zusammenarbeit.

Christiana Bauer, Oberbürgermeisterin Bielefeld

Unterschätztes Risiko

„Einsamkeit betrifft viele Punkte, die Unternehmen aktuell beschäftigen – von der Fachkräftesicherung bis zur Frage, wie Mitarbeitende langfristig im Unternehmen gehalten werden können“, unterstreicht Oberbürgermeisterin Christiana Bauer in ihrem Grußwort im Rahmen des Fachdialogs. Für sie ist Zugehörigkeit kein reines Sozialthema, sondern zunehmend auch ein wirtschaftlicher Faktor. „Dort, wo Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft erleben, entstehen Vertrauen, Engagement und am Ende auch Zusammenarbeit.“

Helene Schaefer

Einsamkeit beschreibt die Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen. Sie ist weit mehr als bloßes Alleinsein. Während freiwilliges Alleinsein durchaus als angenehm empfunden werden kann, ist Einsamkeit ein belastender Zustand. „Einsamkeit wird insbesondere dann als unangenehm und schmerzhaft empfunden, wenn sie chronisch wird“, macht Helene Schaefer deutlich. Die gesundheitlichen Folgen sind inzwischen gut dokumentiert. Sie reichen von Schlafstörungen, Depressionen und Ängsten bis hin zu körperlichen Erkrankungen. Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes oder ein erhöhtes Demenzrisiko treten bei dauerhaft einsamen Menschen deutlich häufiger auf. Auch die Lebenserwartung kann darunter leiden. „Die gesundheitlichen Auswirkungen von Einsamkeit werden häufig mit dem Rauchen von 15 Zigaretten täglich verglichen“, erläutert Helene Schaefer. Für die Referentin ist deshalb entscheidend: Der Arbeitsplatz gehört nicht zum Problem, sondern kann Teil der Lösung sein. Arbeit ist aus ihrer Sicht weit mehr als reine Aufgabenerfüllung: Sie ist ein sozialer Raum, in dem Begegnungen stattfinden, Zugehörigkeit entsteht und tragfähige Beziehungen wachsen können.

Folgen für Unternehmen

Doch die Folgen reichen weit über die individuelle Ebene hinaus. Sie betreffen auch Unternehmen und Organisationen. Wer sich im Arbeitsumfeld nicht eingebunden fühlt, identifiziert sich seltener mit dem Arbeitgeber, empfindet weniger Freude an der Arbeit und ist häufiger wechselbereit. „Wenn ich im Team nicht angekommen bin, kann ich ja genauso gut woanders arbeiten“, skizziert Helene Schaefer eine daraus resultierende Haltung. „Man ist ja immer in der Funktion in der Arbeitswelt, aber man ist ja auch als Person sozusagen als Ganzes da.“ Genau deshalb ist es aus ihrer Perspektive wichtig, das Thema nicht länger auszublenden. Denn die Auswirkungen zeigen sich in sinkender Arbeitszufriedenheit, geringerer Leistungsfähigkeit und höherer Fluktuation. Hinzu kommen Belastungen für das Betriebsklima sowie ein erhöhtes Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird deutlich, warum das Thema für Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Wer betroffen ist

Die Referentin für Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Zusammenhang von Einsamkeit und Arbeitswelt. Gemeinsam mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik hat der BKK Dachverband untersucht, welche Gruppen besonders betroffen sind und welche Faktoren Einsamkeit begünstigen oder verhindern. Die Ergebnisse zeigen: Rund 18 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter fühlen sich einsam. Besonders betroffen sind jüngere Menschen. Anders als häufig vermutet, steigt Einsamkeit im Berufsleben nicht vor allem bei älteren Beschäftigten an. Vielmehr zählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger zu den Risikogruppen. „Wir müssen auf Azubis achten und schauen, dass sie gut integriert werden“, betont Helene Schaefer. Dazu gehören beispielsweise gute Einarbeitungsprozesse oder gemeinsame Routinen. Auch Alleinerziehende und Menschen, die Care-Arbeit leisten, sind stark von Einsamkeit betroffen.

Es kommt nicht darauf an, was man arbeitet, sondern wie die Arbeitsbedingungen gestaltet sind.

Helene Schaefer

Überraschend fällt ein weiteres Ergebnis der Studie aus. Das viel diskutierte Homeoffice macht nicht automatisch einsam. Im Gegenteil: Menschen mit einem höheren Homeoffice-Anteil fühlen sich teilweise sogar weniger einsam. Für Helene Schaefer widerlegt dieses Ergebnis die verbreitete Annahme, dass das Homeoffice zwangsläufig zu sozialer Isolation führt. Die Erklärung liegt möglicherweise in einer größeren zeitlichen Autonomie und besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. „Es kommt nicht darauf an, was man arbeitet, sondern wie die Arbeitsbedingungen gestaltet sind.“

Einsamkeit – kein individuelles Problem

Damit rücken die Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt. Denn Einsamkeit entsteht nicht ausschließlich individuell, sondern wird auch durch Arbeitsorganisation, Betriebsklima, Leistungsdruck oder fehlende Austauschmöglichkeiten beeinflusst. Wer kaum Möglichkeiten zum Austausch hat oder sich dauerhaft unter Druck fühlt, läuft eher Gefahr, sich sozial isoliert zu fühlen. „Es ist kein Wohlfühl-Chi-Chi-Thema“, sagt Helene Schaefer. Vielmehr geht es um Fachkräftesicherung, Arbeitgeberattraktivität und langfristige Leistungsfähigkeit. Im Mittelpunkt steht deshalb die Verhältnisprävention. Ziel ist es, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass soziale Verbundenheit entstehen kann – und nicht erst dann zu reagieren, wenn Menschen bereits unter Einsamkeit leiden.

Es ist kein Wohlfühl-Chi-Chi-Thema.

Unternehmen haben damit die Chance, Zugehörigkeit als strategischen Erfolgsfaktor zu verstehen und ihre Zukunftsfähigkeit nachhaltig zu stärken. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, einzelne Mitarbeitende als einsam zu identifizieren oder persönliche Probleme zu lösen. Viel wichtiger ist für Helene Schaefer die Frage, welche Rahmenbedingungen Zugehörigkeit fördern oder verhindern. Denn „man kann was tun“ und „Unternehmen müssen bei diesem Thema nicht in Schockstarre verfallen“. Häufig reichen bereits kleine Veränderungen und der Blick darauf, welche Strukturen Zugehörigkeit fördern und welche sie erschweren.

Führung und Kultur

Eine zentrale Rolle spielen dabei Führungskräfte. Sie prägen die Unternehmenskultur und schaffen den Rahmen für Offenheit und Vertrauen. Wer menschliche Themen ansprechen darf, Fehler zugeben kann und Wertschätzung erlebt, fühlt sich eher als Teil einer Gemeinschaft. Führungskräfte müssen dabei keine persönlichen Probleme lösen. Ihre Aufgabe ist vielmehr, aufmerksam zu sein und Gesprächsangebote zu schaffen. Ebenso wichtig sind funktionierende Teams. Gemeinsame Routinen, gute Einarbeitungsprozesse und regelmäßiger Austausch stärken das Zugehörigkeitsgefühl im Arbeitsalltag. Teams können außerdem frühzeitig erkennen, wenn Kolleginnen oder Kollegen Gefahr laufen, sich zurückzuziehen oder sozial zu isolieren.

Auch betriebliches Gesundheitsmanagement, Personalabteilungen und Betriebsräte spielen eine wichtige Rolle. Sie können das Thema systematisch in Mitarbeiterbefragungen, Gesundheitsanalysen oder Maßnahmen der Gesundheitsförderung integrieren. Helene Schaefer empfiehlt, Einsamkeit als Querschnittsthema zu verstehen. Zugehörigkeit sollte in möglichst vielen Bereichen eines Unternehmens mitgedacht werden – von der Führungskultur über Onboarding-Prozesse bis hin zur Gesundheitsförderung.

Arbeit ist mehr als reine Aufgabenerfüllung.

Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben dabei oft bessere Voraussetzungen, als sie selbst glauben. Zwar fehlen häufig umfangreiche Strukturen oder eigene Gesundheitsabteilungen. Dafür ermöglichen flachere Hierarchien und persönliche Beziehungen oft einen direkteren Austausch. Tür-und-Angel-Gespräche, gegenseitige Aufmerksamkeit und ein familiäres Miteinander können wichtige Schutzfaktoren gegen Einsamkeit sein.

Fest steht: Zugehörigkeit entsteht nicht von allein. Sie braucht Aufmerksamkeit, geeignete Rahmenbedingungen und eine Unternehmenskultur, die Menschen nicht nur als Arbeitskräfte betrachtet. Oder wie Helene Schaefer es formuliert: „Arbeit ist mehr als reine Aufgabenerfüllung.“ Sie ist ein sozialer Raum, in dem Beziehungen entstehen, Vertrauen wachsen und Zugehörigkeit erlebt werden kann. Genau darin liegt eine Chance – menschlich wie wirtschaftlich.