26. Mai 2026
Young Professionals als Innovationstreiber
Junge Talente als Motor für den Mittelstand
„Wir sind zu alt für Innovation“ – mit dieser unbequemen These eröffnet Yasemin Kesti ihren Vortrag bei der People Company Werkstatt. Was zunächst provokant klingt, verweist auf eine zentrale Herausforderung: Während Märkte sich rasant verändern, bleiben die Perspektiven in vielen Unternehmen erstaunlich homogen. Gleichzeitig ist die Generation, die neue Ideen, Technologien und Denkweisen selbstverständlich mitbringt, längst dabei – wird aber selten wirklich gehört.
Wie Unternehmen das ändern können und warum genau darin ein entscheidender Wettbewerbsvorteil liegt, zeigen Yasemin Kesti, Geschäftsführerin und Mitgründerin von JoBooking, und Ann-Christin Rinker, selbst Teil der Gen Z und Founding Partner der Beratungsagentur für Generationenwechsel und Wissenstransfer Rinker & Rinker.
Bis zum Jahr 2030 werden die Gen Z und die Millennials 74 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Grund genug, sich intensiv Gedanken darüber zu machen, wie Unternehmen schon heute das Innovationspotenzial der Young Professionals ausschöpfen können, um im Markt erfolgreich zu bleiben. Vertrauen ist der Schlüssel. „Wenn wir jungen Menschen Raum geben und ihnen etwas zutrauen, wachsen sie über sich hinaus“, ist Yasemin Kesti mit Blick auf ihre eigene Karriere überzeugt.
Der Handlungsdruck ist hoch. Fachkräfte fehlen, Märkte wandeln sich, bestehende Geschäftsmodelle geraten durch KI, Demografie und disruptive Technologien unter Druck. „Ein Großteil der Unternehmen, die wir heute kennen, wird es in den kommenden Jahren sukzessive nicht mehr geben — schlicht deshalb, weil sie sich nicht schnell genug verändern“, so Yasemin Kesti. Gleichzeitig stehe die Wirtschaft vor einem strukturellen Problem: „Wir sind zu alt.“ Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liege bei rund 45 Jahren – und mit zunehmendem Alter sinke aus neurobiologischer Perspektive die Innovationskraft. Zwischen 15 und 25 Jahren erreicht das menschliche Gehirn sein Maximum an fluider Intelligenz, abstraktem Denken und Kreativität. „Jüngere sehen, was möglich ist – Ältere sehen, was war“, sagt Yasemin Kesti. Doch statt daraus einen Gegensatz zu konstruieren, plädiert sie für ein Miteinander.
Mit alterdiversen Teams zu mehr Innovation
„Den größten Erfolg erzielen Teams aus Jungen und Alten.“ Während die Jüngeren Innovationsdrang, Tool- und Tech-Fluency, neue Perspektiven, Risikobereitschaft und Mut zum Neudenken einbringen, liefern die Erfahrenen Kontextwissen, Markt- und Kundenexpertise und strategische Einordnung. „Gen Z kriegt das allein nicht hin“, betont sie – genauso wenig wie die ältere Generation ohne frische Impulse.
Wie aber gelingt es, junge Talente überhaupt für das eigene Unternehmen zu gewinnen? Für Yasemin Kesti beginnt das lange vor dem ersten Arbeitstag: im Recruiting. „Wir müssen denken wie Vertriebler: Welche Bedürfnisse hat die Zielgruppe – und wo erreichen wir sie?“ Neben bekannten Faktoren wie Purpose, Work-Life-Balance und flexiblen Arbeitsmodellen gehe es vor allem um eines: echte Beteiligung. Junge Menschen wollten mitwirken, Verantwortung übernehmen und auf Augenhöhe angesprochen werden. Kurz: Sie wollen gehört werden.
Eine Befragung von 4.500 Jugendlichen in Bielefeld unterstreicht das deutlich. An erster Stelle der Erwartungen steht Respekt – mit großem Abstand. Dahinter folgen der Wunsch nach Weiterentwicklung, flexiblen Arbeitsbedingungen und einer sinnstiftenden Tätigkeit. Gleichzeitig bringen die jungen Menschen selbst viel mit: Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Kreativität und den Wunsch, eigenständig zu arbeiten. „Die Frage ist: Sagen wir ihnen, dass genau das bei uns gewünscht ist?“, fragt die Recruitingexpertin. Zur frühzeitigen Bindung an das Unternehmen empfiehlt sie Praktika.
Drei konkrete Hebel gibt sie den Unternehmen mit auf den Weg: Erstens Vertrauen verteilen – also echte Verantwortung übertragen statt „Ablageprojekte“. Zweitens alle Touchpoints im Recruiting prüfen und gezielt Signale senden. Und drittens Werte sichtbar machen – nicht nur behaupten, sondern erlebbar machen. Ihr Fazit:
„HR legt die Basis für Innovation, indem es die richtigen Menschen in der richtigen Konstellation zusammenbringt.“
Immer auf Augenhöhe

Daran knüpft Ann-Christin Rinker an und lenkt den Blick auf den Unternehmensalltag. „Die Zukunft sitzt bereits mit im Meeting, aber sie redet oft nicht mit.“ Der Grund sei selten fehlende Kompetenz, sondern vielmehr die bestehenden Strukturen. In vielen Meetings dominieren erfahrene Kräfte, während jüngere Mitarbeitende zwar anwesend seien, sich aber nicht einbrächten. Hinzu kämen Kommunikationswege, mit denen sich Gen Z unwohl fühlt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 39 Prozent der jungen Menschen haben Angst, sich vor Älteren zu blamieren, etwa die Hälfte fühlt sich missverstanden und 65 Prozent sind überzeugt, dass bessere Kommunikation die Produktivität steigern würde. „Es fehlt nicht an Ideen, sondern an Räumen, in denen sie entstehen dürfen“, ordnet Ann-Christin Rinker die Ergebnisse einer im April 2024 durchgeführten LinkedIn-Studie ein.
Dabei verfügt die junge Generation über enormes Potenzial, das insbesondere für den Mittelstand relevant ist. Junge Mitarbeitende arbeiten oft schneller, nutzen selbstverständlich digitale Tools und insbesondere KI. „Sie fragen nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wie“, erklärt Ann-Christin Rinker. Für den Mittelstand sei das ein entscheidender Vorteil: „Konzerne gewinnen über Größe – der Mittelstand über Geschwindigkeit.“
Best Practices
Dass das in der Praxis funktioniert, zeigen konkrete Beispiele: Ein mittelständischer Spezialwerkzeughersteller konnte durch Reverse Mentoring – also die gezielte Einbindung junger Perspektiven – seine Angebotsprozesse deutlich beschleunigen und die Abschlussquote steigern. Ein Finanzdienstleister wiederum erschloss mithilfe eines „Young Advisory Boards“ nicht nur eine neue Zielgruppe, sondern entwickelte daraus auch ein neues Produkt, nachdem sieben Young Professionals die Marketingabteilung zu Zielgruppenverständnis, Content, Sprache und Plattformlogiken berieten.
Entscheidend ist dabei die bewusste Gestaltung der Zusammenarbeit über Generationen hinweg. „Fünf Generationen arbeiten heute parallel in Unternehmen – das ist eine riesige Chance“, weiß Ann-Christin Rinker. Um diese zu nutzen, sieht sie drei Ansatzpunkte: Zugang schaffen, indem junge Mitarbeitende aktiv in Meetings und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Sicherheit geben, etwa durch transparente Kommunikation, vorbereitende Informationen und eine offene Fehlerkultur. Und schließlich Umsetzung garantieren – indem Ideen ernst genommen, dokumentiert und u. a. in Pilotprojekten getestet werden. Ein einfaches, aber wirkungsvolles Beispiel:
„Fragen Sie nach dem Meeting bewusst jüngere Mitarbeitende: Was sehen wir nicht?“
Oft liege genau dort der entscheidende Impuls.
Die Quintessenz beider Impulsvorträge ist klar: Innovation entsteht nicht zufällig – sie ist das Ergebnis bewusster Zusammenarbeit. Unternehmen, die jungen Menschen früh Vertrauen schenken, ihnen Raum geben und sie konsequent einbinden, sichern sich nicht nur ihre Zukunftsfähigkeit, sondern auch einen echten Wettbewerbsvorteil. Oder, wie es Yasemin Kesti formuliert: „Wir brauchen dieses Potenzial – und wir brauchen es jetzt.“