19. Mai 2026

Emotional Leadership

Führung mit Wertschätzung und Respekt

Ein Spieler geht im Strafraum zu Boden. Foul? Elfmeter? Gelb oder Rot? Oder doch eine Schwalbe? Im Stadion brodelt es lautstark, zehntausende Augen sind auf eine einzige Person gerichtet. Und diese Person hat nicht einmal eine Sekunde Zeit. „Die Zuschauer erwarten binnen 0,8 Sekunden eine Entscheidung. Sonst gilt der Schiedsrichter als unsicher“, sagt Deniz Aytekin und lächelt dabei, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Bei der „People Company Werkstatt“ in Bielefeld nimmt der 47-Jährige sein Publikum mit in eine Welt, in der Entscheidungen unter maximalem Druck getroffen werden – und in der sich erstaunlich viele Parallelen zur Unternehmensführung finden. Der Schlüssel zum Erfolg: In der Sache klar, aber dabei menschlich und empathisch bleiben. 

Die Zuschauer erwarten binnen 0,8 Sekunden eine Entscheidung.

Deniz Aytekin ist einer der renommiertesten Schiedsrichter Deutschlands, hat 12 Jahre auf Champions-League-Niveau gepfiffen und ist zugleich Gründer und Unternehmer. In den Jahren 2019, 2022 und 2024 war der gebürtige Nürnberger „Schiedsrichter des Jahres“ – wichtiger ist für ihn jedoch seine persönliche Entwicklung. 2011 wurde er von Bundesliga-Profis zum unbeliebtesten Schiedsrichter des Jahres gewählt, obwohl seine fachlichen Leistungen gut waren. „Das war für mich der Anlass zur Selbstreflexion. Was stimmt nicht? Wenn die Entscheidungen richtig waren, muss es an der Kommunikation liegen. Was ist mein Beitrag, dass Menschen mich so wahrnehmen?“, erinnert er sich. 

Physisch und psychisch herausfordernd

Der Beruf des Schiedsrichters ist anspruchsvoll: Läuft alles optimal, spricht niemand über die Leistung. Wird es strittig, werden die Unparteiischen von Tausenden ausgepfiffen und in Medien und sozialen Netzwerken kritisiert oder beleidigt. Warum wird man trotzdem Schiedsrichter? Deniz Aytekins Antwort ist ebenso simpel wie berührend. Er zeigt in einer Videosequenz, wie er mit seinem Schiedsrichtergespann die Mannschaften von Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt beim DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion auf den Platz führt. „Es ist dieser eine Moment. Wenn du in ein vollbesetztes Stadion einläufst – diese 20 bis 30 Sekunden, das ist das, was mich antreibt“, sagt Deniz Aytekin. Für dieses Gefühl, Teil der Fußballfamilie zu sein, trainiert er täglich und hält seinen Körper auf einem Niveau, das nötig ist, um mit dem modernen Fußball mitzuhalten. Denn der hat sich in den letzten Jahren sehr verändert: schneller, athletischer, intensiver. „Wir laufen pro Spiel 10 bis 12 Kilometer“, erklärt der Referee. Und die eigentliche Belastung ist dabei nicht nur physisch. „Ich bin über 82 Minuten in der höchsten Pulszone – nicht, weil ich unfit bin, sondern wegen der psychischen Anspannung.“ Doch selbst diese Fitness reicht nicht aus, um mit den Topstars heutzutage mitzuhalten. „Jamal Musiala zum Beispiel nimmt mir bei 80 Metern ungefähr 70 Meter mit Ball ab“, erzählt der Unparteiische.

Antizipation & Automatismen – „Be prepared“

Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit: Vorbereitung. „You don’t need luck – you have to be prepared“, zitiert Deniz Aytekin seinen ehemaligen Vorgesetzten Pierluigi Collina, seit 2017 Chef der FIFA-Schiedsrichterkommission. Vorbereitung bedeutet neben der körperlichen Fitness vor allem eines: Unmengen an Daten. Laufwege, Spielsituationen, Standards – alles wird analysiert, um antizipieren zu können, was als Nächstes passiert. „Die zentrale Frage ist: Wo ist mein nächstes Problem?“ Wer diese Frage beantworten kann, steht im entscheidenden Moment richtig – auf dem Spielfeld wie im Meetingraum.

Doch selbst die beste Vorbereitung stößt an Grenzen. „Wir sind physiologisch limitiert“, betont Deniz Aytekin. Hirnforscher haben nachgewiesen: Der Mensch kann nicht alles gleichzeitig wahrnehmen, wir sind kognitiv überlastet. „Wenn ich die Beine fokussiere, ist der Oberkörper unscharf.“ Die Lösung: Teamarbeit. In kniffligen Situationen wird die Wahrnehmung aufgeteilt. „Ich schaue nur auf die Beine, mein Assistent nur auf den Oberkörper.“ Eine präzise abgestimmte Arbeitsteilung, um trotz der Belastung den Spieler als Menschen noch wahrzunehmen und entsprechend zu handeln.

Hinzu kommt die schiere Menge an Entscheidungen. 220 bis 250 spielrelevante Entscheidungen pro Spiel sind keine Seltenheit. Die Folge: Decision Fatigue. Entscheidungsmüdigkeit. „Die kann sich kein Schiedsrichter und keine Führungskraft leisten.“ Um dem entgegenzuwirken, setzen Deniz Aytekin und sein Team auf Automatismen. Bekannte Muster werden erkannt und automatisch bewertet. „Wenn Situation A eintritt, reagieren wir mit B, C oder D.“ Das spart kognitive Ressourcen – und schafft Raum für das Wesentliche.

Die Bedeutung von Zusatzinformationen

Manchmal liegt der Fokus auf den falschen Informationen. Im Strafraum etwa richtet Deniz Aytekin seinen Fokus ausschließlich auf den Ball. „Verändert er die Richtung oder nicht?“ Mehr ist in diesem Moment kaum wahrnehmbar. Wenn ein Verteidiger im vollen Lauf in einen Angreifer springt, lässt sich oft gar nicht erkennen, ob zuerst der Ball oder der Spieler getroffen wird. Entscheidungen basieren dann auf minimalen, aber entscheidenden Zusatzinformationen.

Diese Fähigkeit, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen, ist auch im zwischenmenschlichen Bereich entscheidend. Manchmal gibt es bei einem Meeting atmosphärische Störungen, die man mehr fühlt als benennen kann. Hier lohnt es sich, genauer auf Körpersprache und Mimik der Teilnehmenden zu achten. Wer versucht, ein zwischenmenschliches Problem auf der Sachebene zu lösen, wird wahrscheinlich scheitern. Die Grundemotionen lassen sich häufig gut am Gesichtsausdruck ablesen. Für Deniz Aytekin und sein Team bedeutet das, Spielerreaktionen zu erfassen und einzuordnen. „Ein Spieler, der ein Tor erzielt und vorher ein Handspiel begangen hat, jubelt nicht wirklich. Er schaut zuerst zum Schiedsrichter, ob er es gesehen hat. Der kann gar nicht anders“, lacht der sympathische Schiedsrichter. Um in diesem Spannungsfeld aus Tempo, Druck und Emotionen handlungsfähig zu bleiben, braucht es vor allem eines: innere Balance. Diese entsteht durch Antizipation und durch Routine. Denn wer den nächsten Schritt vorausahnt, gerät gar nicht erst in Stress.

Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Mitarbeitende sehen, dass ihr Chef einen gravierenden Fehler macht – und sie sagen nichts.

Erfolg im Team

Ein zentraler Faktor ist die Teamkultur. Deniz Aytekin arbeitet seit 13 Jahren mit seinem Team zusammen – und hat ein Umfeld geschaffen, in dem Offenheit selbstverständlich ist. Denn nur wenn eine gesunde Fehlerkultur vorhanden ist, sind Menschen bereit, Verantwortung zu übernehmen. Grundlage dafür ist das Konzept der psychologischen Sicherheit, geprägt von Amy Edmondson. „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Mitarbeitende sehen, dass ihr Chef einen gravierenden Fehler macht – und sie sagen nichts.“ Aytekins Ansatz ist klar: Fehler gehören dazu, entscheidend ist der Umgang damit. „Ich würde mein Team nie verkaufen.“ Macht ein Assistent einen Fehler, übernimmt er die Verantwortung. Umgekehrt hat das Team die Freiheit, ihn zu korrigieren. „Die haben mich schon vor eklatanten Fehlentscheidungen bewahrt“, räumt Deniz Aytekin freimütig ein. Diese Offenheit zeigt Wirkung – sogar während des Spiels. „Die rufen mir rein: Wach auf! Haltung zeigen!“ Was in Unternehmen vielleicht als unangenehm empfunden wird, ist hier ein Erfolgsfaktor. Oder, wie Deniz Aytekin es formuliert: „Gute Stimmung macht gute Entscheidungen. Im Business heißt es: Gute Stimmung macht Umsatz.“

Die Pfiffe gehören dazu“, sagt Deniz Aytekin. „Genau wie im Business.“ Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Und auch, welche Worte man dabei wählt.

Menschlich und respektvoll bleiben

Dass dieses Konzept nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick zurück. Ein Wendepunkt war das Jahr 2011, als er zum unbeliebtesten Schiedsrichter der Liga gewählt wurde. „Ich habe Härte mit Stärke verwechselt. Ich habe für mein Ego gearbeitet und nicht dem Spiel gedient.“ Heute schämt er sich für Bilder, auf denen er zornerfüllt einen Spieler anschreit. Sein Perspektivwechsel: Spieler sind keine nervigen Störenfriede, sondern „Ratsuchende“. Wer Entscheidungen erklärt, schafft Akzeptanz. „Die finden es vielleicht nicht gut, aber sie akzeptieren es.“ Das funktioniert fast immer. 

Ein weiterer Baustein ist Respekt – nicht der vertikale, der mit einer Position einhergeht, sondern der horizontale. „Der entsteht durch echtes Interesse am Menschen.“ Eine Haltung, die Aytekin auch aus seiner eigenen Geschichte mitbringt: Seine Mutter arbeitete als Reinigungskraft und fühlte sich oft übersehen. Eine Erfahrung, die ihn geprägt hat.

Am Ende läuft alles auf eine einfache, aber anspruchsvolle Haltung hinaus: in der Sache klar, im Umgang menschlich und wertschätzend. Entscheidungen treffen, sie erklären, sie vorbereiten – und sie leben. Nach dem Abstieg 2018 tröstete Deniz Aytekin den Kölner Spieler Dominique Heintz auf dem Platz. Eine menschliche Regung, die ihm nicht nur Lob, sondern auch Kritik einbrachte. Beirren lässt sich der 47-Jährige davon nicht. 

Egal ob auf dem Fußballplatz oder im Unternehmen: Der Druck bleibt. „Die Pfiffe gehören dazu“, sagt Deniz Aytekin. „Genau wie im Business.“ Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Und auch, welche Worte man dabei wählt.