14. April 2026

Prof. Dr. Hans Brandt-Pook

KI – drei Stufen, zwei Wege, eine Herausforderung

Prof. Dr. Hans Brandt-Pook, Hochschule Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft

Künstliche Intelligenz ist längst im Arbeitsalltag vieler Unternehmen angekommen und entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Thema. „Der Weg zur KI ist kein Sprung, sondern ein Prozess in mehreren Stufen“, erklärt Prof. Dr. Hans Brandt-Pook vom Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Bielefeld beim Partnertreffen von DAS KOMMT AUS BIELEFELD. In seinem Vortrag zeigt er auf, wie Unternehmen Künstliche Intelligenz konkret einsetzen können – und wo Chancen, aber auch Herausforderungen liegen.

Der Bielefelder Wirtschaftsinformatiker beschreibt den Zugang zu Künstlicher Intelligenz anhand eines strukturierten Modells. Statt Notebook oder Folien hat er allerdings einen Zeichenblock als Präsentationshilfe dabei. Kurz und knackig auf den Punkt gebracht lautet seine Formel:

„Drei Stufen, zwei Wege und eine einzige Herausforderung.“

Seine Einordnung macht deutlich, dass Unternehmen sich dem Thema KI schrittweise nähern können. „Eins ist einfach, drei ist schwer. Eins hat viele Optionen, drei hat weniger Optionen und zwei liegt natürlich immer in der Mitte. Und: Eins ist Einstiegsdroge, drei ist König“, so der Sprecher des Institute for Data Science Solutions (IDaS) der HSBI sowie Mitglied der KI-Akademie OWL – ein gemeinsames Projekt der Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften in der Region.

Die erste Stufe umfasst Anwendungen, die direkt verfügbar sind. „Mit KI ‚out of the box‘ meine ich Textentwürfe mit ChatGPT, Übersetzungen mit DeepL, Zusammenfassungen mit Claude, das Erstellen eines Bildes für einen Flyer mit Midjourney“, listet er Werkzeuge auf, die sich ohne großen technischen Aufwand nutzen lassen und häufig zu Zeitersparnis führen. Gleichzeitig entstehen – das macht er deutlich – daraus neue Aufgaben für Unternehmen. „Wir sprechen ja jetzt schon von der Schatten-KI“, so Hans Brandt-Pook.Wenn Organisationen sich nicht aktiv mit der Nutzung von KI beschäftigen, nutzen Mitarbeitende entsprechende Tools über private Accounts. Unternehmen stehen deshalb vor der Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen und Orientierung zu geben. „Stufe 1 heißt für Unternehmen also bereits, dass man erste Regelungen treffen und bereitstellen kann“, erklärt Hans Brandt-Pook.

Als zweite Stufe beschreibt er dagegen individuelle KI-Lösungen in internen Prozessen. Hier geht es um Anwendungen, die speziell für die Anforderungen eines Unternehmens entwickelt werden. „Produktionsstraßen kann ich nicht mit KI wie ChatGPT ‚out of the box‘ steuern, sondern ich brauche ein individuelles KI-System“, betont er. Dann lassen sich durch KI beispielsweise Produktionsprozesse optimieren, Informationen zu Produkten generieren oder der Kundenservice unterstützen. „Eine interne Lösung besteht darin, interne Dokumente und Informationen mit der Sprechfähigkeit von großen Sprachmodellen zu verheiraten“, skizziert Hans Brandt-Pook den Weg dahin. Dahinter verbergen sich sogenannte RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation). Sie ermöglichen es, vorhandenes Wissen mit KI nutzbar zu machen und neue Anwendungen zu entwickeln. Auch neue Vertriebswege, -prozesse und -strukturen lassen sich mit Hilfe von KI auf der Grundlage von datenbasierten Analysen entwickeln.

Die dritte Stufe beschreibt die Integration von KI in Produkte oder Services. Hier wird KI selbst Teil des Leistungsversprechens eines Unternehmens. „Wenn ich KI in meinen Service oder in mein Produkt einbaue, sind die Anforderungen entsprechend hoch. Die Anwendungen müssen zuverlässig funktionieren und zum Geschäftsmodell passen“, bringt Hans Brandt-Pook wichtige Aspekte auf den Punkt. Doch nicht jede Lösung ist sinnvoll. Es gibt Unternehmen, deren Kernprodukte sich nicht eignen. „Wenn ich zum Beispiel Wursthersteller bin, will ich KI natürlich nicht in der Salami haben“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Gleichzeitig zeigen Beispiele aus der Praxis, dass Unternehmen bereits daran arbeiten, ihre Produkte mithilfe von KI weiterzuentwickeln und zusätzliche Funktionen zu schaffen. Im Pilotprojekt mit dem Bielefelder Unternehmen AGFEO, das Telefonkommunikationsanlagen herstellt, geht es zum Beispiel darum, wie man eine sprechende KI in die Anlage integriert.

Neben den drei Stufen beschreibt Hans Brandt-Pook zwei Wege, wie Unternehmen sich dem Thema KI nähern können. Der erste Weg ist problemorientiert. „Top-Down bedeutet, ich komme von einem Problem, zum Beispiel, wenn der Kundenservice überlastet ist“, so Hans Brandt-Pook. Ausgangspunkt ist in diesem Fall ein konkreter Bedarf – ein sogenannter Pain Point –, für den eine KI-Anwendung entwickelt werden könnte. Der zweite Weg ist datengetrieben. Hier steht die Frage im Mittelpunkt, welche Potenziale in vorhandenen Daten liegen. „Was kann ich mit vorhandenen Daten machen?“, erklärt er diesen Ansatz, wo auf Basis vorliegender Daten neue Ideen für Produkte, Services oder Vertriebswege entstehen können. „Hier steht nicht der Pain im Fokus, sondern die Chance“, macht er auf die unterschiedliche Herangehensweise und Perspektive deutlich. „Beim zweiten Weg geht es darum zu schauen, was haben wir, was für Daten können wir haben und welche Daten stehen bereit, um daraus neue Ideen zu generieren.“ Daraus lässt sich auch die zentrale Herausforderung ableiten. „Daten sind immer ein Thema – in jedem Projekt“, so Hans Brandt-Pook, „Mal werden sie überschätzt, mal geben sie nicht das her, was sie sollen, oder sie sind veraltet oder unbalanciert. Denn Daten müssen in ausreichender Menge und Qualität vorliegen, um KI-Systeme sinnvoll zu trainieren. Wenn beispielsweise ein System zur Qualitätskontrolle entwickelt wird, benötigt es sowohl Beispiele für fehlerfreie als auch für fehlerhafte Produkte. Auch die Struktur und Lesbarkeit von Daten spielt eine wichtige Rolle. „Beispielsweise, wenn sie als Excel-Datei mit hunderten von Spalten vorliegen, uns aber eigentlich nur zehn interessieren“, wie Hans Brandt-Pook anmerkt.

Daten sind allerdings nur eine von vielen Herausforderung bei KI-Projekten. Viele Fragen rund um KI sind noch offen. Fragen nach Datenschutz und Akzeptanz rücken in den Fokus. Unternehmen müssen entscheiden, welche Daten sie nutzen möchten und welche nicht an externe Systeme weitergegeben werden sollen. Und Themen wie Deepfakes oder der Umgang mit sensiblen Daten verdeutlichen, dass technologische Entwicklungen auch gesellschaftliche Diskussionen erfordern. „Es ist eine wilde Zeit, wo wir noch nicht genau sagen können, wo die Reise hin geht“, unterstreicht Hans Brandt-Pook.

„Aber eins ist sicher, KI geht nicht wieder weg, KI wird bleiben und KI wird die Welt radikal verändern. KI wird die Welt verändern, so wie das Internet die Welt verändert hat. Nur viel schneller.“

Entscheidend ist für ihn eine kritische Haltung zu entwickeln und keine Ablehnung. Gefragt ist Offenheit gepaart mit kritischer Reflexion. Mit dem Wissen: „KI ist ein Werkzeug, aber eben ein sehr mächtiges.“

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