2. Juni 2026
Warum gelebte Kultur über den Erfolg entscheidet
The Power of Culture
Unternehmenskultur ist weit mehr als ein Set an Werten auf dem Papier – sie ist ein entscheidender Hebel für nachhaltigen Erfolg. Auf der People Company Werkstatt von DAS KOMMT AUS BIELEFELD zeigt Miriam Sternitzky, Chief People Officer bei Westwing und LinkedIn Top Voice, wie eng Kultur, Performance und Transformation miteinander verknüpft sind. Ihr zentrales Plädoyer aus HR-Sicht: Nur wer Kultur aktiv gestaltet, klar kommuniziert und konsequent lebt, schafft die Basis für Wachstum, Engagement und Wettbewerbsfähigkeit.
Viele Unternehmen sind überzeugt, eine klare Kultur zu haben. Werte sind formuliert, Leitbilder hängen sichtbar an Wänden oder sind im Netz dokumentiert. Doch wie tief diese tatsächlich im Unternehmen verankert sind, wird selten hinterfragt. Genau hier setzt Miriam Sternitzky an und bringt dabei eine besondere Perspektive ein: Sie hat Psychologie studiert und nähert sich Führung und Kultur bewusst auch aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht. Gleich zu Beginn ihres Vortrags stellt sie eine einfache, aber wirkungsvolle Frage: Wie viele Mitarbeitende können die eigenen Werte tatsächlich benennen? Die Antwort fällt ernüchternd aus. „Die Mehrheit hat eine definierte Kultur mit Werten und Prinzipien – doch wenn es darum geht, ob die Teams diese Kultur kennen und im Detail benennen können, wird es schon sehr eng“, stellt sie fest.
Kultur als Hebel
Für HR bedeutet das: Kultur ist kein statisches Konstrukt, sondern ein dynamischer Prozess. Es reicht nicht, Werte zu formulieren – sie müssen verstanden, akzeptiert, kommuniziert und vor allem gelebt werden. Andernfalls bleibt Kultur wirkungslos. Dabei ist ihr Einfluss auf zentrale Unternehmenskennzahlen längst belegt: Eine starke, gelebte Kultur reduziert Fluktuation, senkt Fehlzeiten und steigert Produktivität sowie Profitabilität signifikant. „Eine gute Kultur ist ein bisschen wie ein Kleber für das Team“, sagt Miriam Sternitzky. „Die meisten kommen nicht wegen der Kultur – aber viele gehen wegen der Kultur.“
Zwischen Außenwahrnehmung und Ambition
Gerade in Phasen von Wachstum und Transformation zeigt sich, wie entscheidend das Zusammenwirken zwischen Kultur und strategischen Ambitionen ist. Am Beispiel von Westwing, Europas führender E-Commerce-Plattform für „Beautiful Living“, beschreibt Miriam Sternitzky die Diskrepanz zwischen Außenwahrnehmung und internem Anspruch sehr konkret: Die Marke steht für Stil, Inspiration und Leichtigkeit. Gleichzeitig verfolgt das Unternehmen ein klares Ziel: die Entwicklung zur internationalen Superbrand im Design. „Das bedeutet High Performance, Schnelligkeit und wirklich auch den Anspruch, immer besser zu werden“, erläutert die Speakerin und formuliert das Westwing anhaftende Klischee. „Viele stellen sich vor, wir sitzen auf dem beigen Lennon Sofa, trinken Hafer Latte Macchiato und machen um 15:30 Uhr Feierabend.“ Die Konsequenz solcher Diskrepanzen ist jedoch erheblich. „Was passiert, wenn eure Ambition Champions League ist und die Kultur Kaffeekränzchen?“, fragt Miriam Sternitzky und schlussfolgert: „Das passt nicht zusammen.“ Doch Strategie und Kultur müssen zusammenpassen – andernfalls bleibt selbst die beste Planung wirkungslos. „Ihr könnt noch so viele Beratende einkaufen und das tollste Pitchdeck haben – wenn die Kultur dahinter nicht stimmt, wird da nichts draus. Denn ‚culture eats strategy for breakfast‘“, unterstreicht sie.

Diese Herausforderung ist branchenübergreifend relevant. Auch andere Brands kämpfen mit Spannungsfeldern zwischen Markenimage und interner Realität. Während die Außenwahrnehmung oft Leichtigkeit suggeriert, erfordern die Geschäftsmodelle Präzision, Disziplin und konsequente Leistungskultur. Für HR bedeutet das: Kultur muss aktiv gestaltet werden. Miriam Sternitzky beschreibt hierfür ein klares Framework aus drei zentralen Hebeln: Klarheit, Kommunikation und Konsequenz.
Klarheit schaffen
Der erste Schritt ist Klarheit. Unternehmen müssen sich ehrlich fragen, ob ihre bestehende Kultur sie wirklich an ihr Ziel bringt. Es geht darum, den Realitätscheck zu wagen und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit sichtbar zu machen. Bei Westwing führte dieser Prozess zu einer bewussten Neuausrichtung – auch verbunden mit einem CEO-Wechsel. Die zuvor stark familiär geprägte Kultur wurde kritisch hinterfragt. „Wir haben radikal priorisiert“, macht Miriam Sternitzky deutlich. Ziel war es, einen klaren Nordstern zu definieren – den sogenannten Culture Code. Dieser beschreibt nicht nur die Ziele des Unternehmens, sondern auch die Art der Zusammenarbeit. Dabei geht es bewusst nicht um austauschbare Werte. „Viele Kulturkodexe klingen gleich“, erklärt sie. Entscheidend ist es aus ihrer Sicht aber, eine ehrliche und differenzierte Beschreibung der eigenen Kultur zu entwickeln – auch wenn diese nicht für alle attraktiv ist. „Wir sind in der Phase der Transformation, wollen radikal ehrlich sein und suchen Mitarbeitende, die bereit sind, die extra Meile zu gehen.“
Kommunikation leben
Der zweite Hebel ist Kommunikation. Kultur muss sichtbar und erlebbar werden. Bei Westwing wird dies durch verschiedene Formate umgesetzt, etwa durch sogenannte Culture Days mit Präsenz an den unterschiedlichen Standorten von Westwing weltweit. Hier werden die Prinzipien nicht nur vorgestellt, sondern gemeinsam erarbeitet und diskutiert. „Führen heißt Vorleben“, unterstreicht Miriam Sternitzky. Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle als Multiplikatoren der Kultur. Ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation ist dabei Authentizität – insbesondere auch im Recruiting. „Ich schrecke lieber Menschen ab, die nicht zu uns passen“, erklärt Miriam Sternitzky. Diese bewusste Selbstselektion bereits im Recruiting-Prozess stellt sicher, dass neue Mitarbeitende sowohl fachlich als auch kulturell zum Unternehmen passen.
Konsequenz zeigen
Der dritte Hebel ist Konsequenz – und damit der entscheidende Faktor für Glaubwürdigkeit. „Menschen glauben nicht Worten, sie glauben Handlungen“, sagt Miriam Sternitzky. Das bedeutet, dass Kultur in allen Entscheidungen sichtbar werden muss. Ein konkretes Beispiel dafür ist der sogenannte Bar-Raiser-Prozess, den Westwing eingeführt hat: In einem zusätzlichen Interview prüft eine fachfremde Person ausschließlich den Cultural Fit und kann im Zweifel ein Veto einlegen. So wird sichergestellt, dass nicht nur fachliche Exzellenz, sondern auch kulturelle Passung als maßgebliches Kriterium für Einstellungen gilt. Die Erfahrungen zeigen, wie wirkungsvoll dieser Ansatz ist – selbst hochqualifizierte Kandidat:innen werden abgelehnt, wenn sie nicht den kulturellen Prinzipien entsprechen. Bei Westwing wird daher nicht nur die Leistung bewertet, sondern auch das Verhalten. „Du kannst der Beste auf deinem Gebiet sein, wenn dein Verhalten nicht zu uns passt, hast du keine Zukunft bei uns“, betont Miriam Sternitzky. Diese Konsequenz zeigt sich auch im Umgang mit schwierigen Personalentscheidungen. Selbst hoch performende Mitarbeitende werden nicht gehalten, wenn sie nicht zur Kultur passen. Gleichzeitig wird bewusst Verhalten honoriert, das den kulturellen Prinzipien Westwings entspricht. „Das hat einen riesigen Impact. Es geht nicht nur darum, was wir erreichen, sondern auch, wie wir dahin kommen“, erläutert Miriam Sternitzky.
Menschlichkeit als Fundament
Neben diesen drei Hebeln ergänzt Miriam Sternitzky ein viertes Element: Menschlichkeit. „Kindness ist die Grundlage“, betont sie. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, ob Kultur wirklich trägt. Dabei spielt mentale Gesundheit eine zentrale Rolle. Psychologische Sicherheit ist laut Studien einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Teams. „Die Teams, die wussten, dass sie Fehler machen dürfen, waren am Ende die innovativsten und erfolgreichsten“, erklärt Miriam Sternitzky. Für HR bedeutet das, Kultur ganzheitlich zu denken: als Zusammenspiel aus Leistung, Klarheit und Fürsorge. Mentale Gesundheit ist dabei kein Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil erfolgreicher Organisationen – und ein entscheidender Faktor im Wettbewerb um Talente. Schließlich geht es darum, Top Talente anzuziehen und langfristig zu binden.
Am Ende ihres Vortrags steht eine klare Botschaft: Kultur ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen und konsequenter Umsetzung. „Lasst uns Kultur nicht dem Zufall überlassen, lasst sie uns bauen. Wir sind die Architekten und Architektinnen unserer Kultur“, macht Miriam Sternitzky deutlich.