22. Oktober 2026
HR Forum – Führung, Verantwortung und Wandel
Wie man Mitarbeitende für Veränderung begeistern kann
Stefanie Sonnenschein, CEO I Brand & People bei Interrogare
Was bedeutet es, wenn aus einer langjährigen Marketingleiterin eine Geschäftsführerin wird? Und wie lässt sich ein solcher Wechsel gemeinsam mit den Mitarbeitenden gestalten? Beim HR Forum von DAS KOMMT AUS BIELEFELD ging es genau um diese Fragen. Ulrike Meier, Leitung von DAS KOMMT AUS BIELEFELD, brachte es zum Auftakt auf den Punkt: „Veränderung entsteht nicht nur durch einen neuen Titel oder irgendwelche Konzepte, sondern dadurch, dass man sie tagtäglich lebt.“
Wie das konkret aussehen kann, schildert Stefanie Sonnenschein anschließend sehr persönlich. Ihre Geschichte, betont sie, kann zwar nicht eins zu eins auf ein anderes Unternehmen übertragen werden. Aber sie zeigt, was bei Interrogare und bei ihr selbst in den vergangenen Monaten passiert ist – und wie mit einer neuen Rolle ein neuer Blick auf Führung entsteht und sich auch die Verantwortung verändert.
Seit Anfang 2026 verantwortet Stefanie Sonnenschein als CEO, Brand & People, gemeinsam mit Claudia Kuhlmann und Sören Scholz die Geschäftsleitung von Interrogare. Das Unternehmen wurde 1999 gegründet. Als Stefanie Sonnenschein 2014 zu Interrogare kam, arbeiteten dort etwas mehr als 30 Mitarbeitende. Sie übernahm das Marketing und baute den Bereich neu auf. „Schon damals wollte ich dieses Unternehmen mitgestalten und hatte einfach Lust, die Leute mitzunehmen“, erzählt sie. Und auch der Gedanke, mehr Verantwortung tragen zu wollen, wenn Peter Wiegelmann sich irgendwann aus dem operativen Geschäft zurückziehen würde, beschäftigte sie.
Im Sommer 2024 wurde daraus Konkretes. Die Gründer Peter Wiegelmann und Martin Kühn kündigten ihren Rückzug aus dem operativen Geschäft an und fragten Stefanie Sonnenschein und Claudia Kuhlmann, ob sie diese Verantwortung übernehmen wollten. Sie entschieden sich schnell dafür. Die Veränderung wurde im Januar 2025 kommuniziert – rund ein Jahr vor ihrer Umsetzung. „Dass unsere Mitarbeitenden als erste informiert wurden, war ganz essenziell. Sie sollten Zeit haben, sich auf die neue Konstellation vorzubereiten“, unterstreicht Stefanie Sonnenschein.
Mit der neuen Rolle stellte sich auch die Frage, wie Führung künftig aussehen sollte. Stefanie Sonnenschein und Claudia Kuhlmann kannten die Perspektive der Mitarbeitenden und hatten eigene Vorstellungen davon, was gute Führung ausmacht. Vier Punkte sind dabei zentral: die Perspektive wechseln, die Menschen fragen, Klarheit schaffen und Zusagen einhalten.
Erst einmal zuhören
Der erste Schritt war naheliegend: fragen. „Interrogare ist als Marktforschungsunternehmen darin geübt, Menschen nach ihren Einschätzungen und Bedürfnissen zu fragen“, sagt Stefanie Sonnenschein. Also wurde auch intern eine Befragung durchgeführt – mit offenen Antworten statt vorgegebenen Skalen. „Über die Beteiligung und die Offenheit der Antworten haben wir uns sehr gefreut“, sagt sie.
Zuhören bedeutet allerdings nicht, jeden Wunsch erfüllen zu können. „Man kann natürlich nicht wie so ein Kaugummiautomat funktionieren“, sagt Stefanie Sonnenschein. „Nur weil neue Menschen in der Geschäftsführung sitzen, gibt es nicht plötzlich einen Goldtopf, aus dem sich alle Wünsche erfüllen lassen.“ Auch bestehende Regeln und Prozesse haben natürlich ihren Sinn. Gleichzeitig wollte die neue Geschäftsleitung eigene Akzente setzen.
Klarheit statt Wischiwaschi
Mit einem Jahres-Kick-off Anfang 2026 wurden die Ergebnisse der Befragung offen besprochen. Im Mittelpunkt standen Kommunikation und Transparenz, das Thema Geld sowie Prozesse und Strukturen. Gerade beim Thema Geld war der Wunsch da, manches anders zu handhaben.
„Wir müssen natürlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen, aber wir erklären, was wir tun und was wir nicht tun“, erklärt Stefanie Sonnenschein die Haltung der neuen Geschäftsleitung. Denn nicht alles lässt sich sofort verändern. „Wir sind nicht perfekt und versuchen, Dinge langsam anzupassen.“ Wichtig ist ihr, eine klare Richtung vorzugeben. „Wir sind einfach offen und ehrlich in der Kommunikation und klar in unseren Aussagen, statt „wischiwaschi“ zu bleiben.“
Der Führungswechsel war zugleich ein Generationswechsel. „Wir wollen als neue Geschäftsführung mehr das Gefühl des Miteinanders stärken“, erklärt die CEO. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Managementteam, bestehend aus Geschäftsführung, Teamleitungen und Stabstellen. „Nur weil wir in einer neuen Geschäftsführung sind, heißt das nicht, dass alte Probleme ausgeräumt sind“, so Stefanie Sonnenschein. Deshalb wurden aus dem Managementteam die „MATEs“ – eine Wortschöpfung aus MAnagement und TEam. „Wir sind eine Gruppe, wir sind die MATEs. Die Türen stehen offen, ihr könnt euch an uns wenden, lasst uns einfach miteinander sprechen.“

Veränderung muss von innen kommen
Anfang Januar 2026 folgte dann ein MATE-Wochenende mit einem externen Coach. Die Erwartungen waren zunächst eher verhalten. Dann wurde viel gesprochen – auch über Dinge aus der Vergangenheit, die nicht gut gelaufen waren. Es ging darum, diese Themen zu bearbeiten und gleichzeitig offen für Neues zu werden. Die Stimmung veränderte sich spürbar. „Wir haben innerlich gebrannt“, beschreibt Stefanie Sonnenschein das Ergebnis. Diese Energie nahm das gesamte Team mit in die einzelnen Bereiche. „Das ist natürlich die beste Werbung für Veränderungen, die man bekommen kann“, sagt sie, „wenn Veränderung ehrlich gemeint ist und von innen kommt.“
Beim MATEs-Wochenende wurden auch Grundsätze für den künftigen Umgang miteinander festgelegt; nicht nur unter den MATEs, sondern im Unternehmen generell. Als solche Werte wurden u.a. positives Denken, Reziprozität und Selbstreflexion bestimmt. „Es ging ausdrücklich nicht darum, diese Grundsätze nur nach außen zu präsentieren. Das ist nichts, was ich auf eine Marketingschiene packe und bei LinkedIn poste“, betont sie. Sie sollen vom Management vorgelebt und im Unternehmen verankert werden. Gerade die Reziprozität beschreibt Stefanie Sonnenschein als etwas sehr Einfaches: „Wie du behandelt werden möchtest, so behandle andere auch.“ Und Selbstreflexion heißt auch, sich zu fragen, welchen eigenen Beitrag man geleistet hat und ob die eigene Reaktion die richtige war.
Nach dem MATEs-Wochenende ging es darum, die gesamte Belegschaft mitzunehmen. „Da sind halt nochmal 83 andere“, macht die neue CEO deutlich. Ein wichtiges Instrument dafür ist das wöchentliche Weekly, wo Unternehmensneuigkeiten, Entwicklungen, Zahlen und Entscheidungen transparent gemacht werden. Auch Themen wie Künstliche Intelligenz werden gemeinsam besprochen. Information und Beteiligung sollen dabei Hand in Hand gehen. Das gilt auch für das Thema Gehalt. Aus ihrer eigenen Zeit als Mitarbeitende kennt Stefanie Sonnenschein die Situation, zum Chef gehen und erklären zu müssen, warum man mehr Geld verdient. „Dabei kann man sich schnell wie ein Bittsteller fühlen“, sagt sie. Die neue Geschäftsleitung möchte Wertschätzung deshalb stärker von sich aus sichtbar machen. Das bedeutet nicht automatisch große Gehaltserhöhungen. Leistung und Engagement sollen aber wahrgenommen und – wenn möglich – auch finanziell honoriert werden. Parallel dazu arbeitet eine Werte-Taskforce mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Teams an der Frage, wie die gemeinsamen Werte sichtbar und erlebbar werden können. Eine 6,50 mal 3 Meter große Wand mit einem Wimmelbild entsteht, Mitarbeitende können sich beteiligen. Zusätzlich gibt es Wertepaten, die darauf achten sollen, dass die Werte tatsächlich gelebt werden.
Dranbleiben und sichtbar machen
Die Stimmung bei Interrogare ist positiv. Auch wenn nicht jedes Projekt sofort umgesetzt werden kann, ist das Gefühl des Miteinanders gewachsen. Anfang des kommenden Jahres soll eine weitere Befragung der Mitarbeitenden zeigen, was aus den Vorhaben geworden ist und wo noch Defizite liegen. „Wir möchten im echten Dialog sein und die ehrliche Meinung erfahren“, sagt sie. Gleichzeitig ist ihr wichtig, bei all den Ideen und Projekten zwischendurch innezuhalten und auch einmal auf das zu schauen, was bereits erreicht wurde: „Einfach mal zu gucken, da sind schon gute Dinge passiert, auch wenn da noch einiges kommt.“ So wird u. a. an der persönlichen Entwicklung der Mitarbeitenden gearbeitet. Kompetenzprofile sollen dabei helfen, die eigenen Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten besser einzuschätzen. Welche Kompetenzen sind vorhanden? Welche braucht es für den nächsten Schritt? Daraus sollen auch Perspektiven für unterschiedliche Karrierewege entstehen.
Am Ende kehrt Stefanie Sonnenschein noch einmal zu den vier Punkten zurück, die den Veränderungsprozess geprägt haben: Perspektive wechseln, Menschen fragen, Klarheit schaffen und Zusagen einhalten. Die Perspektive zu wechseln, bedeutet für sie vor allem, sich zu fragen:
„Was braucht mein Gegenüber und was kann ich dafür tun?“ Wer nicht weiß, was der andere denkt oder braucht, muss fragen. Klarheit bedeutet, Dinge nicht „wischiwaschi“ zu formulieren, sondern Fakten zu benennen. Und Zusagen einzuhalten, heißt: verlässlich zu sein. „Denn am Ende des Tages bleibt, dass die Veränderung bei uns beginnt. Die Lust darauf entsteht durch das, was wir tun“, resümiert die neue CEO.