16. April 2026
Jörg Rosenberger
Zukunftsfähig führen in unsicheren Zeiten
Wie gelingt Führung, wenn Planbarkeit zunehmend zur Ausnahme wird? Beim Partnertreffen von DAS KOMMT AUS BIELEFELD rückt Jörg Rosenberger von Reden ist Silber die Frage in den Mittelpunkt, wie Organisationen in einer Zeit von Disruption, Unsicherheit und wachsender Komplexität handlungsfähig bleiben. Sein Impulsvortrag zeigt: Zukunftsfähigkeit ist kein abstraktes Ziel, sondern entsteht durch Orientierung, Vertrauen und der Bereitschaft, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.
„Wir leben jetzt wirklich in einer Zeit von echter Disruption und maximaler Unvorhersehbarkeit.“
Mit diesem Einstieg macht Jörg Rosenberger deutlich, wie spürbar sich die Welt verändert. Die Frage nach zukunftsfähiger Führung ist aktueller denn je – und betrifft Unternehmen unabhängig von Branche oder Größe. Der systemische Berater, Coach und Sparringpartner für Unternehmen und Führungskräfte beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Organisationsentwicklung und der Frage, was Unternehmen brauchen, um zukunftsfähig zu bleiben. Er weiß, dass die Unsicherheit, die heute gesellschaftlich sichtbar wird, unmittelbar in Organisationen hineinwirkt. Führung bedeutet deshalb mehr denn je, Orientierung zu geben, auch wenn Entwicklungen nicht vollständig vorhersehbar sind.
Vor diesem Hintergrund definiert er die Kernaufgabe von Führung mit einem prägnanten Satz: „Das erste und das originäre Ziel von Führung ist immer, dass Unternehmen überleben.“ Denn Zukunftsfähigkeit beginnt mit wirtschaftlicher Stabilität. Unternehmen müssen Wertschöpfung sichern, Kundinnen und Kunden zufriedenstellen und gleichzeitig Mitarbeitenden Sinn und Motivation bieten. Führung bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und menschlichen Bedürfnissen. Entscheidend ist, handlungsfähig zu bleiben – auch unter komplexen Bedingungen.
Komplexität lässt sich dabei nicht auflösen, sondern nur gestalten. Jörg Rosenberger, der an der Universität Paderborn zum Thema Organisationsentwicklung und Führung lehrt, beschreibt diese Situation bildhaft: „Das ist ungefähr so, als ob wir Auto fahren und es kommt eine Nebelwand.“ Wer in dieser Situation stehen bleibt, verliert Orientierung. Wer zu schnell fährt, riskiert Fehler. Zukunftsfähige Führung bedeutet für ihn daher, sich Schritt für Schritt voranzutasten und kontinuierlich zu überprüfen, wo das Unternehmen steht und wohin es sich bewegt. „Die eigentliche Strategie ist der Prozess der permanenten Anpassung“, macht er deutlich. Entscheidungen entstehen daher aus einem fortlaufenden Soll-Ist-Abgleich und der Bereitschaft, Richtung zu geben und bei Bedarf nachzusteuern.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist Vertrauen. Ein Gedanke, den bereits der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann geprägt hat: „Einer der wenigen Dinge, um Komplexität beherrschbarer zu machen, ist Vertrauen.“ Hier knüpft Jörg Rosenberger an: „Die härteste Währung, um Geschwindigkeit einzubringen, ist Vertrauen.“ Denn Vertrauen schafft psychologische Sicherheit, sorgt für Motivation und ermöglicht Mitarbeitenden, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Das gelingt immer dann, wenn Menschen Autonomie erleben und ihre Kompetenzen einbringen können. Führung bedeutet daher auch, ein Umfeld zu schaffen, in dem Risiken möglich sind und Unterstützung spürbar bleibt. Angesichts der Vielzahl an Entscheidungen hinterfragt Jörg Rosenberger auch das klassische Verständnis von Führung als Aufgabe einzelner Personen. „Die Vorstellung, dass eine einzige Person diese Aufgaben bewältigen kann, halte ich für leicht naiv“, positioniert er sich. Vielmehr sieht er Führung als Prozess, der auf mehrere Schultern verteilt wird. „Verantwortung orientiert sich stärker am vorhandenen Wissen als an formalen Hierarchien“, sagt er mit Blick Organisationen, die sich zukunftsfähig ausrichten.
Gleichzeitig braucht es immer auch eine klare Richtung. Visionen geben Orientierung und schaffen Identität – gegenüber Kundinnen, Kunden und Stakeholdern. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Entscheidungen zu treffen, die nicht vollständig entscheidbar sind. Entscheidungen müssten dabei häufig unter Unsicherheit getroffen werden – mit dem Risiko, ihre Richtigkeit erst im Nachhinein beurteilen zu können. „Die größte Herausforderung ist für ein Unternehmen zu entscheiden, was es nicht tut“, erklärt Jörg Rosenberger. Denn Zukunftsfähigkeit bedeutet auch, bewusst auf Möglichkeiten zu verzichten und Prioritäten zu setzen – mit dem Risiko, erst im Nachhinein beurteilen zu können, ob Entscheidungen richtig waren. „Wir müssen knallhart Abschied nehmen von langfristigen Plänen“, macht er deutlich.
Besonders relevant ist für Unternehmen dabei die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Denn unterschiedliche Interessen, Perspektiven und Anforderungen gehören zum Alltag. Führung heißt daher auch, Spannungsfelder produktiv zu nutzen und Entscheidungen trotz widersprüchlicher Erwartungen zu treffen. „Wir brauchen Führungskräfte mehr denn je, um Mitarbeitenden eine Richtung zu geben“, erklärt Jörg Rosenberger. Damit kommt Führung als dynamischer Prozess eine wesentliche Aufgabe zu.
„Führung voranzutreiben, damit die Organisation zukunftsfähig werden kann, ist nichts Weiches, es ist eine harte Bewegung“, unterstreicht der Coach und Berater.