10. Juli 2026
Kreislauffähigkeit systematisch entwickeln
Evolution statt Revolution bei Halfar
Die Bielefelder Halfar System GmbH zählt zu den führenden Herstellern von Taschen und Werbetaschen in Europa. Seit der Gründung setzt das Familienunternehmen auf langlebige Produkte, verantwortungsvolles Handeln und enge Partnerschaften. Nachhaltigkeit ist bereits seit Jahren wichtiger Teil der Unternehmenskultur. Gemeinsam mit ihrem Team verantwortet Simone Rath die Bereiche Produktmanagement & Nachhaltigkeit. Im Interview erklärt sie, warum Kreislaufwirtschaft für Halfar kein Trend, sondern ein wesentlicher Baustein langfristiger Zukunftsfähigkeit ist – und weshalb pragmatische Lösungen oft wirkungsvoller sind als theoretische Idealkonzepte.
Frau Rath, Nachhaltigkeit spielt bei Halfar schon lange eine Rolle. Wie haben Sie das Thema systematisch in Ihre Prozesse integriert und warum war der Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft für Sie konsequent?
Wir haben Nachhaltigkeit nie als separates Projekt verstanden. Themen wie Qualität, Langlebigkeit, verlässliche Partnerschaften, sozial verantwortliches Handeln oder ein bewusster Umgang mit Ressourcen gehören seit der Unternehmensgründung zu unserem Selbstverständnis. Für uns ist Nachhaltigkeit eng mit dem Begriff der Zukunftsfähigkeit verbunden. Mit dem ersten freiwilligen Nachhaltigkeitsbericht im Jahr 2018 wurden diese bestehenden Aktivitäten erstmals systematisch gebündelt, beschrieben und weiterentwickelt.
Seitdem haben wir die Strukturen Schritt für Schritt ausgebaut – etwa durch die Erfassung von Emissionen, die Weiterentwicklung organisatorischer Prozesse, Zertifizierungen und die Auseinandersetzung mit regulatorischen Anforderungen. In der Produktentwicklung fließen Aspekte wie Materialeffizienz, Reparierbarkeit oder Recyclingfähigkeit bereits früh in die Überlegungen ein. Unser Ziel ist es, ökologische, technische und wirtschaftliche Anforderungen gemeinsam zu bewerten und daraus pragmatische, marktfähige Lösungen abzuleiten. Für uns stellt Kreislaufwirtschaft keinen Richtungswechsel dar, sondern die konsequente Weiterentwicklung bestehender Prinzipien unter den Rahmenbedingungen neuer technischer, regulatorischer und wirtschaftlicher Anforderungen.

Sie haben bereits eine erste kreislauffähige Produktserie auf den Markt gebracht – was zeichnet diese konkret aus und wie wurde sie aufgenommen?
Mit dem Shopper MONO und den neuen ORGANIC-Modellen haben wir erstmals Taschen entwickelt, die konsequent nach dem Mono-Material-Prinzip aufgebaut sind. Sie bestehen jeweils aus nur einem Materialtyp und verzichten auf Materialverbünde. Dadurch wird die spätere stoffliche Verwertung erleichtert und die Recyclingfähigkeit verbessert. Uns war wichtig, dass Kreislauffähigkeit nicht zulasten von Funktionalität, Belastbarkeit oder Wirtschaftlichkeit geht.
Die Produkte sollten alltagstauglich sein und innerhalb bestehender Marktstrukturen skalierbar bleiben. Die Resonanz unserer Kunden und Stakeholder war überwiegend positiv. Viele Kunden beschäftigen sich selbst zunehmend mit Nachhaltigkeits- und Berichtspflichten und begrüßen Lösungen, die nachvollziehbar und praktikabel sind. Besonders geschätzt wird, dass die Produkte nicht als Sonderlösung konzipiert wurden, sondern als reguläre Sortimentsartikel in marktüblichen Preissegmenten verfügbar sind. Das erleichtert die Integration in bestehende Beschaffungsprozesse und macht die Produkte für eine breite Zielgruppe zugänglich.
Welche Herausforderungen gab es auf diesem Weg und was haben Sie daraus gelernt?
Die größte Herausforderung bestand darin, Kreislauffähigkeit mit allen Anforderungen des Marktes und der Regulatorik in Einklang zu bringen. Produkte müssen funktional, langlebig, lagerfähig und preislich wettbewerbsfähig bleiben. Gerade Mono-Material-Konzepte reduzieren gestalterische Freiheitsgrade. Hinzu kommen regulatorische Kennzeichnungsvorschriften, Herausforderungen bei der Verfügbarkeit geeigneter Materialien sowie die Notwendigkeit, neue Produktansätze verständlich zu kommunizieren. Unser wichtigstes Learning ist, dass Kreislauffähigkeit nicht durch eine einzelne Maßnahme entsteht. Sie ergibt sich aus vielen Entscheidungen entlang des gesamten Entwicklungsprozesses.
Pilotprojekte haben sich dabei als wertvoll erwiesen. Nicht jede Idee ist sofort zu realisieren, aber jede Erfahrung bringt uns weiter. Das schrittweise Vorgehen hat zudem den Vorteil, dass Lieferanten und Kunden die zugrunde liegenden Prinzipien nachvollziehen, bewerten und zunehmend in ihre eigenen Entscheidungen einbeziehen können.

Inwiefern stärkt Circular Economy die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens – und wie gehen Sie mit Zielkonflikten zwischen ökologischen, technischen und wirtschaftlichen Anforderungen um?
Gelebte Kreislaufwirtschaftsprinzipien stärken die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens. Die Auseinandersetzung mit Produktionsverfahren, Materialströmen, Ressourcenverfügbarkeit, regulatorischen Anforderungen und Produkttransparenz hilft dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen und sich auf veränderte Rahmenbedingungen vorzubereiten. Gleichzeitig fördert sie Innovationen in der Produktentwicklung und unterstützt einen bewussteren Umgang mit Ressourcen.
Dabei entstehen naturgemäß Zielkonflikte, die zum Alltag der Produktentwicklung gehören. Unser Ansatz besteht darin, ökologische, technische und wirtschaftliche Anforderungen gemeinsam zu betrachten. Das bezieht auch die gesellschaftlichen und sozialen Aspekte unseres wirtschaftlichen Handelns ein. Wir sind überzeugt, dass sich Lösungen langfristig nur dann durchsetzen können, wenn sie funktional überzeugen, wirtschaftlich tragfähig sind und innerhalb bestehender Marktstrukturen funktionieren. Deshalb suchen wir nicht nach der theoretisch perfekten Lösung, sondern nach praktikablen und skalierbaren Verbesserungen.
Welche nächsten Meilensteine stehen für Ihr Unternehmen an?
Wir werden die gewonnenen Erkenntnisse aus den bisherigen Mono-Material-Projekten in weitere Produktentwicklungen einfließen lassen. Zudem bereiten wir uns auf die Anforderungen vor, die sich aus künftigen Transparenz- und Ökodesignvorgaben ergeben. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der kontinuierlichen Verbesserung unserer Datenbasis, Prozesse und Produktinformationen, um Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsaspekte noch besser in Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse verankern zu können.
Unsere Produkte müssen im Alltag langfristig funktionieren und im Markt bestehen. Wenn es uns gelingt, diesen Anspruch mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen zu verbinden, dabei Wissen aufzubauen und erprobte Prinzipien zu integrieren, sehen wir uns auf dem richtigen Weg.
Simone Rath, Leitung Produktentwicklung, Nachhaltigkeit & Marketing, Halfar System GmbH
Welchen Rat würden Sie anderen Unternehmen geben, die gerade anfangen, sich mit Circular Economy zu beschäftigen?
Wir empfehlen, mit konkreten Fragestellungen und überschaubaren Projekten zu starten. Oft lassen sich bereits durch die Analyse bestehender Produkte interessante Potenziale erkennen, etwa bei Material, Konstruktion oder Lebensdauer. Ebenso wichtig ist der Austausch mit anderen Unternehmen, Netzwerken und Fachorganisationen. Viele Herausforderungen sind nicht unternehmensspezifisch. Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen, kann den Einstieg deutlich erleichtern. Entscheidend ist aus unserer Sicht, Kreislaufwirtschaft nicht als isoliertes Nachhaltigkeitsprojekt zu betrachten, sondern als Teil einer langfristigen und zukunftsfähigen Unternehmensentwicklung.