2. Oktober 2026

Echt widerstandsfähig

Evolution statt Revolution

Hunderttausende Kondome verlassen täglich das Werk von Ritex in Bielefeld. Entwickelt, geprüft und produziert an einem Standort. Das Unternehmen existiert seit fast 80 Jahren, die meiste Zeit davon ist es im Bielefelder Osten zu Hause. Das klingt nach Beständigkeit – ist aber nur möglich, weil sich das Familienunternehmen immer wieder neu erfindet. Zwischen „Made in Germany“, nachhaltiger Produktion und technologischer Transformation entsteht Zukunftsfähigkeit.

Der Markt, in dem sich Ritex bewegt, ist global, dynamisch und hart umkämpft. Während viele Wettbewerber längst in Fernost produzieren, hält der Bielefelder Kondomhersteller konsequent am Standort und am Qualitätsversprechen „Made in Germany“ fest. Dass dies gelingt, hat für Geschäftsführer Robert Richter viel mit der Fähigkeit zur Transformation zu tun. „Zukunftsfähigkeit bedeutet für uns vor allem, diese hohe Dynamik im Griff zu behalten, damit wir das, was wir eigentlich tun wollen, auch morgen noch erfolgreich tun können“, beschreibt er die zentrale Herausforderung.

Denn Kondome sind längst weit mehr als klassische Konsumprodukte. Als Medizinprodukte unterliegen sie strengen gesetzlichen Vorgaben und Qualitätsanforderungen. Gleichzeitig erhöhen fragile Lieferketten, neue Marktteilnehmer und Regelwerke wie die PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation), die EuDR (European Deforestation Regulation) oder die EmpCo-Richtlinie (Empowering Consumers for the Green Transition) den Veränderungsdruck. 

Wir können nur durch eine hohe Produktivität gegen Billiglohnländer bestehen.

Für den Hersteller eines Medizinprodukts gehören sie heute ebenso zum Unternehmensalltag wie die eigentliche Produktion. „Es ist Wahnsinn, was uns da eigentlich alles aufgeladen wird“, beschreibt Robert Richter die wachsende Komplexität.

Transformation endet bei Ritex jedoch nicht an der Produktionslinie. Digitale Kanäle und Social Media prägen heute die Wahrnehmung von Marken. Das Unternehmen nutzt diese Entwicklung bewusst und gibt auf TikTok authentische Einblicke in die Produktion. Dass ein Video über den „Waschtag“ der Kondome millionenfach angeklickt wurde, zeigt das große Interesse an Einblicken hinter die Kulissen eines Medizinprodukteherstellers.

Umso wichtiger ist es für den Geschäftsführer, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Made in Germany, höchste Qualität und die konsequente Modernisierung der Produktion bilden dafür das Fundament. „Wir können nur durch eine hohe Produktivität gegen Billiglohnländer bestehen“, betont er. Deshalb investiert Ritex kontinuierlich in moderne Anlagen, digitale Vernetzung und Automatisierung. Ziel ist nicht der Abbau von Arbeitsplätzen, sondern eine höhere Produktivität und die Fähigkeit, auch künftig wirtschaftlich in Deutschland produzieren zu können. Diese Transformation gelingt jedoch nur mit den Menschen im Unternehmen. Viele Mitarbeitende arbeiten seit Jahrzehnten für Ritex und kennen die Produktionsprozesse bis ins Detail. Dieses Erfahrungswissen fließt bewusst in Veränderungen ein. „Wenn der Prozess einmal läuft, wird bei uns in der Tiefe mitgedacht“, erklärt Robert Richter. Große Change-Management-Programme braucht der Mittelständler nicht. „Wir müssen vieles mit eigenen Bordmitteln lösen. Deshalb arbeiten wir möglichst im Dialog und in Teams.“ Gerade diese Unternehmenskultur sieht er als Wettbewerbsvorteil. Entscheidungen entstehen gemeinsam und entwickeln sich Schritt für Schritt. „Wir treiben Veränderungen mit Evolution und selten mit Revolution voran. Gleichzeitig müssen wir dynamisch genug bleiben, um mit den Veränderungen der Märkte Schritt zu halten“, betont er.

KI ist wahrscheinlich der größte Technologiesprung seit dem Wechsel von der Schreibmaschine zum Computer.

Auch Nachhaltigkeit versteht Ritex als Teil dieser Transformation. Lange bevor das Thema regulatorisch an Bedeutung gewann, investierte das Unternehmen in Photovoltaik, Ökostrom und ressourcenschonende Produktionsprozesse. Mit der Pro Nature-Linie setzt Ritex vollständig auf FSC®-zertifizierten Naturkautschuklatex, doch auch die Standard-Linie erfüllt inzwischen zahlreiche Nachhaltigkeitskriterien – von FSC®-Anteilen im Latex über Ökostrom bis hin zu veganen Rezepturen. Hinzu kommen die Zusammenarbeit mit dem NABU, Blühflächen auf dem Firmengelände und Maßnahmen zum Insekten- und Vogelschutz. „Nachhaltigkeit ist für uns definitiv ein Wettbewerbsvorteil“, unterstreicht der Enkel des Firmengründers Hans Richter. Gleichzeitig beobachtet er, dass Verbraucher nachhaltige Produkte zwar schätzen, beim Kauf eines Kondoms jedoch vor allem Sicherheit und Qualität erwarten. Deshalb gilt für Ritex: „Qualität steht bei uns immer über allem. Alles andere kommt danach.“

Innovation entsteht dabei nicht nur in der Geschäftsführung. Neue Ideen kommen ebenso aus den Fachbereichen – etwa bei der Digitalisierung oder beim Einsatz Künstlicher Intelligenz. „KI ist wahrscheinlich der größte Technologiesprung seit dem Wechsel von der Schreibmaschine zum Computer“, sagt Robert Richter. Entscheidend ist, die Mitarbeitenden mitzunehmen – auch im Umgang mit neuen Werkzeugen. Fast acht Jahrzehnte nach der Gründung zeigt Ritex, dass Zukunftsfähigkeit vor allem eines braucht: die richtige Balance – zwischen Tradition und Transformation, Innovation und Qualität sowie technologischem Fortschritt und den Menschen, die ihn gestalten.